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Grenzenlos wandern
Etappen
Deserteure auf der Katzenleiter
 
Karwendelrast – Hallerangeralm, gegangen 21.6.2018
laut Routenplaner: 7,45 Std., 17,2 km, ↑ 1946 Hm ↓1049 HM
Wegverlauf und Streckenprofil
 
Der Lagerschlafplatz der Karwandelrast Hütte ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Man liegt darin wie in einem Grab. Irgendwann in der Nacht war es mir dann zu blöd und ich habe mich quer auf die Betten gelegt – und das wars dann. Vor dem Wecker um 6.30 bin ich aufgewacht und mich katzengewaschen. Die gestern abend per Handwäsche vom Schweiß einigermaßen gereinigten T-Shirts waren trocken. Frühstück war um 7 Uhr ausgemacht und stand auch schon auf dem Tisch. Die Wirtin hat mich etwas zur Eile gedrängt, es komme am Frühnachmittag ein Gewitter auf, im Vomperloch gebe es viele Bäche, die schnell anschwellen können und bein Regen wäre sie den Weg auch noch nie gelaufen. 8 Stunden werde ich mit dem Gepäck schon brauchen. Und bitte einen lange Hose anziehen. Der Weg ist schmal und von Gräsern bedeckt, unter denen Zecken auf Wanderer warten. Ich danke für den Hinweis, weil die und die Bremsen brauche ich ganz bestimmt nicht. Ich habe mich nochmals für die freundliche, spontane Aufnahme bedankt und dann los.
 
Am Parkplatz steht ein mittelalterliches Pärchen, also so alt wie ich, das permanent fotografiert. Münchner – wie peinlich, nix wie weg. Nach 10 Minuten holt mich die Wirtin mit dem Auto ein. Ich habe die Unterkunftsanmeldung nicht ausgefüllt, sie bekomme sonst Ärger mit den Behörden. Kurz danach zweigt ein schmaler Pfad links von dem Forstweg ab, den ich fast übersehen hätte. Dies wird also mein Weg für die nächsten Stunden sein. Eigentlich ganz schön. Zuerst kommt eine Quelle, dann hat sich jemand sein eingefasstes Quellidyll samt Gummienten gebaut, wie niedlich. Ein bisschen später merke ich, dass ich eigentlich in einer Hochwand ca. 200 Meter über dem Vomperbach rumspaziere. Und hungrige Bremsen gibt es hier wie Sau. Um sie durch sie verscheuchendes Rumwedeln nicht das Gleichgewicht zu verlieren, ziehe ich bei 34 Grad eben die Jacke an. Dann greifen sie mich nur im Gesicht an (Mit Autan wäre das so nicht  passiert). Im Tal ist es schattig und nicht so heiss, es geht also einigermaßen in meiner Verkleidung.
 
Von der Karwendelrast bis zum Zwerchloch, dem Abstieg von der Lamsenscharte sind es 2 Stunden. Nach einer Hütte mit Wildfütterung sind auch die nervigen, schnatternden Münchner wieder da. Sie sind flotter als ich und ich lasse sie deshalb gerne ziehen. Der Weg geht auf und ab, unter mir rauscht der Vomperbach – wo genau will ich gar nicht so genau wissen. Ich schaue auf meine Füße und den nächsten Schritt. Mit den Stöcken versuche ich die Gräser und Farne beiseite zu schieben, um den Zecken keine Angriffsmöglichkeit zu bieten.
 


Gumpe an der Katzenleiter

Brücke über den Zwrechbach
2 Stunden zum Zwerchloch passt. In der Gumpe unterhalb der den Bach überquerenden Brücke sitzt in blauer Badehose der Münchner. Nix wie weg, auch wenn ich jetzt eine Pause gebraucht hätte, doch ich habe die Warnung der Wirtin im Gedächtnis. Außerdem sind es nach Hinweistafel nur noch 5 Stunden. Irgendwas mit den Zeitangaben muss da durcheinander gekommen sein, oder ich war dann doch ziemlich flott unterwegs. Am Karwendelrast stand 8 Stunden Hallerangerhütte und 2 ¾ Stunden Zwerchloch.
 
Wenn ich von hier aus zum Lamsenjoch hochblicke, bin ich dann doch einigermaßen froh den Weg nicht genommen zu haben, so steil geht es da runter. Auf der Lamsenjochhütte hat die junge Bedienung gesagt, auf der anderen Seite kämen zwei seilversicherte Stellen. In der Karte waren sie auf dieser Stelle nicht eingezeichnet.
Da stand nur „Katzenleiter“. Wenn man hochblickt war da ein bisschen Wald und darüber die blanke Wand. Wird schon irgendwie weiter gehen und so schlimm war es bisher ja auch nicht. Und der Wirt vom Karwendelhaus hat ja gesagt, das sei der schönste Weg vom Karwendel. Der Katzensteig ist schmal, seilversichert, hat eiserne Tritthilfen und geht kerzengerade gefühlte 300 Meter die Wand hoch. Für mich Stress pur. Ich bin nur froh, dass es aufwärts und nicht abwärts geht, denn so sehe ich nur den nächsten halben Meter und nicht die 100 bis zum Bachgrund. Aber auch diese Leiter hat einmal ein Ende, ein recht idyllisches sogar. Aus der Wand kommt ein kleiner Wasserfall, der auf Weghöhe eine kleine Gumpe bildet. Pause, essen, waschen, Wasserflasche füllen. Aber auch hier hungrige Bremsen.
 
Der Weg wird nicht breiter und der Vomperbach donnert immer noch direkt unter mir, ich jetzt nur noch ein paar Meter drüber.

donnernder Vomperbach
Eigentlich ist der Weg meist ganz gut zu erahnen. Viele Alternativen gibt es ja nicht und einen Wildwechsel habe ich auch nicht gesehen. Blöd wird es nur, wenn das alte Buchenlaub den Boden bedeckt. Es ist rutschig und den Wegverlauf kann man dann an schmalen Stellen nicht so gut verfolgen. Passiert mir dann prompt. 5 oder 6 umgestürtzte Bäume, die den Weg versperren. Fußspuren führen um die ersten beiden herum und dann wieder hinauf. Doch dann verließen sie „ihn“ resp. mich. Scheiße. Ich sitze bzw. stehe in der Steilwand, unter mir der Abdrund, es ist extrem rutschig und ich finde den Weg nicht. Muss irgendwie weiter oben sein. Eine gefühlte Ewigkeit und eine unterdrückte Panikattacke weiter finde ich etwas pfadähnliches. Sehr schmal und laubbedeckt, und genau auf eine Felskante zuführend. Vor, zurück, doch wieder vor, oder zu den umgestürzten Bäumen von denenn ich kam zurücksteigen, wenn ich denn weiss, welche es waren. Ein Waldindianer bin ich leider nicht. Also folge ich etwas hoffnungslos der leichtesten Variante, diesen schmalen Pfädchen, der sich dann doch glücklicherweise zu den breiter werden Originalweg ausweitet. Breiter heisst hier bergschuhbreite! Schlimmer für meinen Geschmack kann es für mich dann eigentlich nicht mehr kommen. An den Abgrund habe ich mich „gewöhnt“ und zur Not gäbe es ja noch die nervigen Münchner hinter mir. Jetzt bin ich, der Wege gerne für mich selber hat, dann doch froh, dass es da noch einen Notnagel gibt.
 
Der Weg ist eigentlich ganz schön. Die Wände sind felsig und steil, unten rauscht der Bach und von den Seiten kommen andere Bäche und Wasserfälle herunter und bilden schöne Gumpen. An der nächsten, unterhalb einer Brücke, mache ich auch eine Rast und da holen mich dann die Münchner wieder ein. Nix wie rein in die Gumpe und das alles schön fotografiert und abgefilmt. Jetzt ist es aber nicht mehr peinlich, sondern ich bin froh, auf dem Weg nicht mehr alleine zu sein.
 
Dann führt der Weg wieder runter auf 1000Hm, durch den Knappenwald und man ist endlich auf Höhe des Vomperbachs. In der Ferne sieht man Serpentinen durch den Wald nach oben steigen, die auf meiner Karte gar nicht eingezeichnet sind. Komisch, das wäre aber meine Gehrichtung. Ab der Jagdhütte in der Au – was für ein euphemischer Name in der Gegend – folgt man verstetzt dem Bachlauf, bis ein zweiter links kreuzt. Schöne neue Wegmarkierungen gibt es hier. An einer besondern markanten auf einem großen Felsen laufe ich auf dem Kiesbett geradeaus weiter, denn kurz nach diesem Felsen geht ein schmaler Steig in die Latschen, das wird wohl der Weg sein. Nach 200 Metern keine Markierung mehr und die Karte verweist meinen eingeschlagen Weg eigentlich auch als falsch. Also den Rücksack ab und weiter nach oben gelaufen. Auch dort nichts. Zwar führt ein Trampelpfad von den Latschen des Hochufers vom Ufer weg, doch auch dort ist nichts wegähnliches zu finden. Das sicherste ist zurück zur letzten Markierung zu gehen. Und siehe da: gut sichtbar auf der anderen Uferseite geht es weiter.
 
Durch die Latschen, die die warme Luft noch zusätzlich aufheizen geht es wieder nach oben. Nach dem Stress habe ich mir eine Pause verdient, Zeit dafür ist es sowie so. Und nach der Zeitrechnung der Karwendelrastwirtin sollen es vom Talgrund bis zur Hallerangeralm ja nur noch 2,5 Stunden sein. Von Gewitter keine Spur. Ab und an eine graue Wolke, aber sonst heiß (34 Grad) und sommerlich blauer Himmel. Pünktlich zu meiner Rast tauchen die Münchner wieder auf. Jetzt ist auch Zeit für ein Schwätzchen und ich fremdle nicht mehr so, sie auch nicht. Die eingestüzte Brücke am abgefackelten Jochhüttl überqueren wir noch gemeinsam, dann geht jeder wieder seinen Gang. Wir sind jetzt aber immer in Augenkontakt. Stramm geht es durch die Latschen bergauf, bis man auf eine „ Hallo, ist das schön“ Wiese zwischen den Latschen kommt. Blick nach vorne und hinten, kurz darauf die Gemsen im Geröll. Ideal für eine weitere Rast. Kann jetzt eigentlich gar nicht mehr weit sein – so meine ich, der Münchner hat da mehr Bedenken. Leider hat er recht. Der Weg zieht jetzt in Diretissima durch die Latschen nach oben. Der Mann ist weg, die Frau knapp hinter mir und der Scheißanstieg scheint kein Ende zu nehmen. Dem langen Weg von gestern zahle ich hier nun empfindlichen Tribut. Doch aufgeben hilft nix, da muss ich jetzt durch.
 
An einem pfeifenden Mitmünchner, nämlich mir, zieht dann auch die nicht minder schwer atmende Frau des Münchners vorbei. Doch auch dieser Anstieg hat einmal ein Ende. Kaum sind wir oben, grummelt es auch schon mächtig von weiter oben. Der Himmel wird grauer, die Wolken ziehen nach unten und es wird windig. Wir sind auf einem kurzen Stück 900 Hm hochgestiegen, und das am Ende des Weges. Nicht so schön. Ausgesprochen schön ist jedoch der Grund des Überschalljochs.

Blick zurück ins Vomperloch
Kaum sind wir – ich und die Frau – auf der Jochhöhe grummelt es stärker und wenig später schon in Sichtweite der Halleranger Alm fängt es plötzlich und stark zu regnen an. Zeit für die Regenklamotten bleibt nicht, Hauptsache der Rucksack wird nicht nass.
 
Bis zur Hütte haben wir es nicht mehr weit und sind dann gerettet. Zimmerschlüssel in Empfang genommen, umgezogen und erstmal ein Bier und Spaghetti mit Hirschragout aus eigener Jägerei einverleibt. Was braucht man nach 8 Stunden strammen Weges mehr. Für mich war das die anspruchvollste Wanderung, die ich bisher gegangen bin.

Gott seid Dank und mit uns
Jetzt kann man den Abend locker ausklingen lassen, auch wenn mir während des Nachtisch die draußen zum trocknen aufgehängte Wäsche und die Bergschuhe durch einen neuerlichen Schauer gänzlich durchnäßt werden. Seisdrum. Die wenigen Mitgäste sind nett, die Wirtin sowieso, und wir Münchner duzen uns nach dem Tag auch brüderlich. Die beiden Mitgeher erweisen sich dann aber doch als strammere und routiniertere Berggeher. Für sie fängt die Wanderung eigentlich erst im Fels an, wo ich sie gerne beende lasse. Suum quique. Die Frau schläft immer wieder im Sitzen ein, sie sind ja auch schon um kurz nach 4 Uhr aufgestanden und auch ich verziehe mich früh ins Bett.
 


Blick von der Hallerangeralm auf den Lafatscher
Eigentlich wollte ich ja über den Wilde Bande Steig und die Pfeishütte auf dem Goethesteig zum Hafelekar. Nach 2 strammen Wandertagen, entscheide ich mich dann doch lieber für den morgigen Abstieg über das Isartal und verabschiede mich von den Wanderpartnern und den vor der Hütte liegenden Schottischen Hochlandrindern. Beim Frühstück frage ich die Wirtin dann noch nach den sich Ende des 2. Weltkriegs im Vomperloch verbergenden Deserteuren aus. Sie wurden mit Flugzeugen gesucht; auch waren Mitilärstreifen im Tal. Sie waren einheimische Holzknechte, die sich über mehr als ein Jahr in Höhlen versteckt hielten, kein Feuer machen durfften und der eisigen Kälte trotzen mussten. Einige haben dabei wohl den Verstand verloren.
 


Speckakrspitze im Morgennebel
Im Nachhinein war es ein sehr schöner Weg. Man soll vielleicht nicht so oft in die Tiefe sehen und ihn das erste Mal nicht wie ich alleine gehen. Da hört und sieht dich keiner wenn mal was passieren sollte. Von der Lamsenjochspitze über das Zwerchkar geht es dann doch ziemlich steil bergab. Ob das dann die schönere Wegvariante ist? Auf der Lamsenjochhütte haben sie mich jedenfalls gewarnt den Weg nie ohne Helm zu gehen und den hatte ich ja auch nicht dabei. Zudem waren auch überall Hinweisschilder auf Steinschlag im Zwerchkar.

die Hallerangeralm im Morgennebel
© 2019 • Dr. Hans-Jürgen Hereth • Wertschätzung