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Hugo Ball

Dada goes Gott oder Die Wege des Herrn sind wunderbar


Hugo Ball, 1926; © "Hugo-Ball-Sammlung-Pirmasens"
  „Nimm dein Kindlein und fliehe“ (sagte der Engel zu Josef). Dem sind Hugo Ball und seine Frau Emmy-Hennings-Ball unter dem Eindruck des beginnenden Ersten Weltkrieges schleunigst nachgekommen und haben sich von München in die Schweiz abgesetzt. Die französische Verfassung von 1793 war für ihn die „vollständigste Theorie der Menschlichkeit“ überhaupt, die es jeden ermöglicht, seine individuellen Freiheiten auszuleben. Diese Ideal, auf das sich all seine Hoffnungen gerichtet haben, die Menschen zu versöhnen und zur Dankbarkeit bzw. Liebe zueinander zu stimmen, wurde durch das Kriegsgeschehen konterkariert. Über das Wie und Wann es unsetzbar ist, diskutiert er mit den russischen Anarchisten, allen voran Bakunin, den er zusammen mit Mühsam 1916 auf dem Berg der Wahrheit, den „Monte Verita“ bei Ascona, begegnet ist. Ob er dort seinen späteren Nachbar Hermann Hesse schon kennenlernte, der sich von seiner Alkoholabhängigkeit durch naturnahes Leben in „Licht-Lufthütten“ zu kurieren suchte, ist nicht gesichert.
 
Ball selbst versucht dieses Ideal zu leben. Die hohe Bewunderung, die ihm für seine Einstellung entgegenschlug, faßte Friedrich Glauser in einem Satz zusammen: „Das war ein Mensch von einer Sauberkeit, wie sie wohl alle hundert Jahre nur einmal vorkommt“.
 
Alle Formen von Anarchie schienen ihm geeignet dieses menschliche Ziel zu erreichen. Dada, dessen eigentlicher Erfinder er 1916 mit dem Cabaret Voltaire in Zürich war, verstand er als aus den tiefsten Schichten des Unterbewußten gespeisten Selbstreinigungsprozeß, als Geste des Protestes und als Befreiungsversuch gegen die Übermacht der Logik.
 
Waren die Dadaisten Verrückte oder gar christliche Mystiker, Grenzgänger zwischen radikalem Experiment, Weltflucht und Gottsuche, Hungerleider oder Geschäftemacher, künstlerische Esos oder ökologische Aussteiger? Wie sollen große Platitüden und Generalverdächtigungen beantwortet werden können? Schließlich bezog und bezieht der Dadaismus einen Großteil seiner Faszination aus der Mischung der Biographien seiner Protagonisten und deren Provokation des Bürgerlichen, aufmerksam beobachtet von einer interessierten Öffentlichkeit.
 
Doch schon 1917 wurden die ästhetischen Provokationen zum gesellschaftsfähigen Selbstzweck, zum –Ismus, verbunden mit internen Streitereien über die Ausrichtung von Dada und den Profilierungsbemühungen seiner Protagonisten. Konsequenterweise stieg Ball nicht nur aus der Bewegung aus, er begrub sie für sich in Buchform („Flametti oder der Dandysmus der Armen“) und trat mit seiner Hinfindung zum katholischen Glauben die „Flucht in die Zeit“ an. Im Juli 1917, mit einem kleinen geerbten Geldbetrag als Faustpfand, trat er seine Flucht an.
 
Er wollte weg, weit weg, um sich über sein zukünftiges Leben in Ruhe klar werden zu können. Da er aber er nur sehr wenig Geld hatte, erschien ihm der Aufenthalt auf einer Alm als ideale Lösung. Das Almleben versprach den Geist anzuregen und den Geldbeutel zu schonen. Die Alm, ein Rustico im Brusada-Gebiet, haben sie von Gesundbetern gemietet. Ball sah das als gutes Omen. Der Vermieter hatte für alle anderen gut sichtbar einen gewaltigen Kropf. Allein dessen Familie sah ihn nicht – sie hatten ihn ja weggebetet. „Ora et labora“ lautete denn auch die Forderung dieser Familie an die Balls: pflanzt Mais und Kartoffeln an, macht uns die Alm fruchtbar und führt ein gottgefälliges Leben.
 
Die Abende waren warm im Juli 1917 im Tessin. Plötzlich spazieren 4 seltsame Figuren durch die Dörfer der Brusada: Hugo Ball, eine Ziege am Strick mit sich führend, Emmy Hennings-Ball und deren Tochter Annemarie und dem von der Polizei und der Familie gesuchten Morphinisten und späteren Begründer des deutschsprachigen Kriminalromans Friedrich Glauser.
 
Die wichtigsten Utensilien trägt Ball im hölzernen Tragekorb, der sog. Gerla: seine Schreibmaschine, Schreibpapier, Zigaretten und Kaffee. Die anderen Personen tragen das Grobzeug: Setzkartoffeln, Lebensmittel (Büchsenmilch), Lampen, Decken und Spaten. Alle, mit Ausnahme vielleicht von Annemarie wollen sie soweit weg von allen und allem und so billig leben wie möglich. Glauser versucht sich auf der Alp den Nachstellungen seines Vaters zu entziehen, der ihn aufgrund seines „liederlichen und ausschweifenden Lebenswandels“ (Teilnahme an dadaistischen Veranstaltungen, Schriftstellerei, Konsum von Morphium, leichtfertigen Lebensstil, Unterschlagungen etc. etc.) entmündigen und in ein Irrenhaus stecken will. Das gelingt ihm schließlich auch am 18. Januar 1918. Glauser wurde in diesem Jahr volljährig und gleichzeitig für den Rest seines Lebens entmündigt. Er flieht noch viele Male – aus Anstalten, in die Rauschmittel, zu Frauen. Doch das wäre ein eigenes Kapitel.
 
Vom 1. August 1917 an führen sie auf der Alp Brusada für sechs Wochen ein spartanisches Einsiedlerleben. Die Alp ist zwar vom Tal aus gut sichtbar, ist aber nur durch Klettern „über gefährliche Lawinenstürze, Schluchten und Felsüberhänge“ erreichbar. „Ein schmaler Pfad, den man gebückt passieren muß, führt, im Heidekraut verloren, an steiler Felswand zu uns hin. Ein wahres Inferno von Wasser, Schlucht und Getöse tritt dem Besucher entgegen. Zwischen blühenden Kirschbäumen, auf einer von tausend Zikaden bewohnten Wiese liegt dann unsere Hütte. Wir haben ebenso weit zum ewigen Schnee wie zum nächsten Dorf“. Ohne ortskundigen Führer ist somit ein Besuch nicht zu befürchten.
 
Hier oben auf 1800 Metern über dem Meer, nahe am Himmel, klärt sich Balls Haltung zur Religion. Sein politischer Ansatz wird von einem christlichen Idealismus verdrängt: „Die Kirche und abermals die Kirche gegen den Ansturm der linken und rechten, der konservativen und der rebellischen Naturapostel“. Wahrer Glaube, wie ihn Ball nun zu verstehen beginnt, ist die ganzheitliche Aufnahme reiner göttlicher Strahlung, die ein „festes Ergreifen der unsichtbaren Dinge“ ermöglichen. Er bedingt ein asketisches Leben ohne Vorbehalte in paradiesischer Landschaft.
 
Erleuchtung und Produktivität befruchten sich wechselseitig. Ball entwirft die Biographie des Anarchisten Michail Bakunins und auch die anderen Älpler sind äußerst produktiv: Emmy Hennings schreibt ihre autobiografische Erzählung „Gefängnis“, Glauser übersetzt Leon Bloy und alle tauschten sich über ihre Arbeiten aus. Für Glauser ist das Schriftstelleridyll jedoch nach 2 Wochen schon zu Ende. Ihm geht das bißchen Geld das er hat aus und den Balls, die selber nichts zum Beißen haben, möchte er nicht auf der Tasche und dem Kartoffelsack hängen. Die Balls halten das karge Leben noch ein paar Wochen länger aus, dann verlassen auch sie die Alm.
 
Nach dieser älplichen Konversion und der Ansiedlung in Agnuzzo, Ball ist jetzt nur noch der „Dorfdadaist“ aus Agnuzzo im Tessin, der „christliche Anarchist“, der sich mit Eifer in die Viten der Heiligen vertieft. Agnuzzo erscheint ihm auch spirituell der geeignete Ort zu sein: mit seinen 7 Buchstaben besitzt er hermetische Eigenschaften. In verstaubten Folianten der Kantonsbibliothek in Lugano, zu der er nun täglich wandert, findet er hierzu ein unerschöpfliches Quellenmaterial.
 
Auch Hesse suchte einen neuen Lebensansatz mit seiner Übersiedlung von Bern ins Tessin. Die Montagnolaer Jahre markieren für ihn den Anfang seines „dritten neuen Leben(s): als Vagabund im Reich der Phantasie“. Das dabei erfahrene volle Lebensgefühl wechselt sich aber häufig genug ab mit Phasen der Arbeitsblockade, den damit verbundenen Depression und der Todessehnsucht, den wechselnden Fluchten in Krankheiten und Alkohol. Manchmal hilft ihm dabei das Malen. Es ist eine andere Form des künstlerischen Ausdruck, mit der er Bilder der Spiegels seiner selbst realisieren kann. Und es führt ihn in die Natur, die schon immer heilend und ausgleichend auf ihn wirkte. Diese Wege in die Natur führen ihn immer häufiger zu einem anderen „Einsamen“: zu Hugo Ball. Ihn wünscht er sich auch aus rein egoistischen Interessen in seiner Nähe. Ball ist ihm menschlich lieb, intellektuell gleichwertig und erlöst ihn aus seiner Vereinsamung. Er ist einer der wenigen, die es schaffen, sein Gefühlsvakuum zu durchbrechen.
 
Die sieben Jahre dauernde Freundschaft zwischen Ball Hesse (bis zu Balls Tod 1927) begründet sich nicht nur durch räumliche Nähe. Der Friedhof von Sant´Abbondio, auf dem beide begraben liegen, bildet das Zentrum eines Kreises, auf dessen Radien sie sich wie von Magneten  angezogen aufeinander zu bewegten. Ihre Freundschaft war von außen betrachtet überraschend, zu groß erschienen die Unterschiede ihrer Persönlichkeiten, um Gemeinsamkeiten finden zu können. Dennoch, nicht nur die gemeinsam erlebte Natur nahm sie füreinander ein. Hesse konnte sich der Persönlichkeit Balls nicht entziehen - im Gegenteil. In vielen Briefen äußerte er sich bewundernd über Ball und forderte viele seiner Freunde und Gönner auf, den nahezu mittellos lebenden Ball finanziell zu unterstützen. Ball, dem dies unangenehm war hatte keine andere Wahl, um nicht zu verhungern.
 
Auf Empfehlung Hesses arbeitet Ball an der Ehrenbezeichnung des Fischer Verlag anläßlich des 50. Geburtstags seines Autors (2. Juli 1927). Ball ist so mit dem Leben und Werk Hermann Hesse vertraut, daß er binnen vier Monate, gestützt aus ein enormes Privatarchiv, das Buch zu Ende bringen kann. Den Geburtstag Hesses und das Erscheinen des Buches bekommt er nicht mehr bewußt mit Ball stirbt am 14. September einem Züricher Krankenhaus an Darmkrebs; sechs Wochen nach Hesses Geburtstag. Er und seine Familie liegen in Sichtweite seines Sterbehauses auf dem Friedhof bei der Kirche Sant' Abbondio begraben. Hesses Grab liegt gegenüber an der Umfassungsmauer, auch nur mit einem schlichten Stein versehen. Viele seiner Verehrer pilgern hier her. Aber mit der Stille, die noch zu Balls Zeit herrschte, ist es vorbei. Das Dröhnen der Autobahn im Tal und das Lärmen des Gewerbegebietes "Lugano-Süd" dringt herauf. Auch haben sich die Hochhäuser der Luganer Vororte bis an die Collina d'Oro herangeschoben. "Auch hier geht es zu Ende mit dieser alten Welt, es wird auch hier bald vollends die Maschine über die Hand, das Geld über die Sitte, die rationelle Wirtschaft über die Idylle siegen, mit gutem Recht, mit gutem Unrecht" (Hesse).
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