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Grenzenlos wandern
Etappen
Die Wiggerl-(Tor)Tour
 
4.-5 Etappe,  gegangen 8.6.2018
Garmisch Skistadion- Leutasch Lochlehn
Skistadion- Leutasch: 8,50 Std., 22 km, 1745 ↑↓1407 HM, Geisterschlucht Bahnhof Mittenwald über Gletscherschliff, 1,12 Std, 4,4 km, 36 ↑↓150 HM
ges.: 10 Std., 26,4, km
Wegverlauf und Höhenprofil

 
Nachdem am Vortag ein überaus heftiges Gewitter mit Starkregen am Nachmittag sich über Garmisch und das Alpenvorland ergossen hat und auch für den heutigen Tag ab Mittag, spätestens aber ab 15 Uhr lokale Gewitter angesagt wurden, bin ich früh aufgestanden, sprich um 5.30 Uhr. Kleines Müsli, kurzer Kaffe, Stuhlgang und dann los nach Garmisch/Skistadion. Parkplatz in Poleposition, Schuhe an und um 6.50 Uhr losgegangen. Bis zur Partnachklamm ist eine eine halbe Stunde. Der Eintritt kostet jetzt 5 Euro, statt 2 wie früher, dafür gibt es auch keine Alpenvereinsermäßigung mehr. Nachdem es gestern stark geregnet hatte, lief es auch in der Klamm noch von allen Wänden runter. Nichts für große Menschen, zumal die Tunnel nicht beleuchtet sind und ich zu faul war, die Taschenlampe aus dem Rucksack zu holen. Da ist mir dann der einzige Mensch über Stunden begegnet. Nach einer ¼ Stunde ist der Tunnelgang vorbei (Einlass in Partenkirchen 8-18 Uhr, in die Gegenrichtung bis 22 Uhr).
 
Auf einer breiten Forststraße geht es erstmal Richtung Bockhütte, Reintalangerhütte und Zugspitze immer parallel zur rauschenden Partnach. Das geht eine gute Stunde so. Immer noch kein Mensch, dafür erwarten mich Vögelgesang, Wasserrauschen und ein Hase mitten auf der Fahrbahn. Guckt mich an und hoppelt langsam weiter. Noch nie gesehen hier. Da es gestern stark geregnet hat, finden sich auf der Straße jede Menge Moluslen mit und ohne Haus ein und Bergsalamander – allein oder in trauter Zweisamkeit – auch die blicken mich an. So geht es weiter bis kurz vor der Versorgungsstation der Reintalangerhütte, wo ein mit Schwämmen und Moosen übersähter, abgestorbener Bergahorn mit seinen dürren Ästen den Weiterweg weist.
 


Der Umschlagplatz. Foto HJHereth

Wegweiser. Foto HJHereth
Jetzt geht es auf einem Bergpfad, der breit genug für den Qwat des Hüttenpächters der Reintalangerhütte ist, zur Bockhütte. In 2 ½ Stunden ab Partnachklamm sollte das bewerkstelligt sein. Da die Hütte bewirtschaftet ist kann man da oder an den wiesigen Ufern der Partnach eine Rast einlegen, denn jetzt kommt das üppigste Stück Arbeit des heutigen Tages: der steile Aufstieg über das Oberreintal zum Schachenhaus. Eine Stunde geht es in steilen Serpentinen entlang es Reintalbaches, der ab und an schöne Gumpen bildet, nach oben. Am Hochplateau des Oberreintals wird man aufgefordert die gespaltenen 1 m langen Holzprügel, die dort gestapelt lagern, nach oben zur Oberreintalhütte (Selbstversorgerhütte) zu tragen. Ich geh zum Schachen und fühle mich nicht angesprochen. Es ist immer wieder ausgesprochen schön hier oben, immer noch kein Mensch. Jetzt bin ich ob dessen leicht irritiert. 1 ½ Stunden sind es jetzt noch zum Schachenhaus. Doch die müssen sich erst erarbeitet werden. Steil, mit einigen Seilversicherungen und z.T. ausgestetzt geht es in die Wand hinein. Jetzt merke ich dann doch, dass ich älter geworden bin und das ich das nicht mehr jeden Tag mache. Oben angekommen habe ich genau die angezeigte Zeit gebraucht.

Blick vom Schachen ins Oberreintal. Foto HJHereth
Der Ausblick ins Partnachtal und zur Zugspitze hoch ist immer wieder erhebend, genau so wie die Wände des Schlüsselkars und Oberreintalschrofens abweisend wirken. Ludwig wusste schon, warum er sich da oben seine maurische Holzhütte hat hinbauen lassen.
 
So, für mich ist es dann nun aber schon kurios. Bis hierher ist mir kein Mensch begegnet, es ist Freitag vormittag und schönes Wetter. Auch auf der Terrasse des Schachenhauses sitzen gerade mal 2 Mountainbiker. Eigentlich wäre hier eine größere Pause fällig, aber der Wetterbericht lässt mich zaudern. Also erkundige ich mich bei der Wirtin, wie es denn aktuell aussieht – ich bin überzeugt, sie kann das lokale Wetter besser einschätzen als ich und hört zudem den aktuellen Wetterbericht. Nichts davon. „Bis zur Meilerhüttn schaffst es scho“. Gut, das war mir auch klar, die Frage ist nur, wie ich von da dann wieder runterkomme, zumal die Hütte um diese Zeit noch nicht bewirtschaftet ist.
 


Blick vom Schachen ins Reintal und zur Zugspitze. Foto HJHereth

Trolle am Schachen
Nachdem immer wieder Wolkenfetzen durchziehen und die Sicht z.T. stark eintrüben, einscheide ich mich ohne Pause weiterzugehen. Die angezeigten 1 ½ Stunden sollten auch noch drin sein. Auf dem Weg zur Meilerhütte, kein Tier, kein Mensch, keine Fußabdrücke im Schlamm. Es ist als wenn der Weg diese Saison erstmals von mir begangen worden wäre. Ein bisschen blöd ist es dann aber schon, wenn das Wetter umschlägt, man keinen Handyempfang hat und die Frau sich sorgt. Dann endlich auf den Joch, auf dem die Meilerhütte reingezwängt wurde.

Aufstieg zur Meilerhütte vom Schachen aus. Foto HJHereth
Wie immer geht hier oben ein strammer kalter Wind und zu allem Übel ziehen die Nebelwolken dann doch vom Schachen und dem Oberreintal aus hoch. In dem Gelände möchte ich dann doch ganz gerne sehen, wo ich hintrete, also kurze Pause und über das Bergleintal absteigen – da sieht es wettermäßig noch viel besser aus.
 

Den Weg bin ich noch nie runtergegangen, nur einmal rauf über den Söllerpaß, weiss also nicht, was mich erwartet. Es sind immer noch viele Schneefelder hier oben, aber der Weg zeichnet sich im Schotter ganz gut ab. Schön zu laufen ist das aber nicht. Nach fast 6 Stunden gehen ohne große Pause bin ich doch ganz ordentlich müde. Hilft nichts, ich muss ja irgendwie runter kommen. In dem Schotter und dem losen Gestein ist das eine mächtig rutschige Angelegenheit. Die Landschaft kann man sich da im Gehen nicht ansehen. Auch hier kein Mensch und keine Spur im Schnee. Langsam wirds irgendwie unheimlich. Dann nach 1 Stunde, kurz nach der Almhütte, die ersten Zweibeiner. 3 junge Menschen, die mich fragen, ob sie noch zu der Hütte aufsteigen sollen. Der weitere Aufstieg bei dem Wetter zu einer unbewirtschafteten Hütte erschien ihnen dann aber doch zu mühsam.
 


Bergleintal mit Leutascher Platt. Foto HJHereth

Bergschafe am Musterstein. Foto HJHereth
Ich sehe die Häuser von Unterkirchen und denke, so weit ist es gottseidank nicht mehr. Denkste. Die hochgegangenen 1600 HM muss man auch runter gehen, und das zieht sich. Abkürzen und knieschonender ist es, auf den Restschneefeldern runterzurutschen. Dann plötzlich ein Pfiff, ich schaue auf und aus 10 Meter Entfernung glotz mich eine Gemse an, eine zweite steht etwas erhaben von ihr in einem Schneefeld. Ich scheine aber keine Risiko für sie darzustellen. Gemächlich ziehen sie weiter. Dann höre ich Gebimmel und die ersten Schafe werden erkennbar und nachdem die nächste Kante überwunden ist, ein Bach, der direkt aus dem Felsen kommt. Der kam genau zur rechten Zeit. Wie man das im Sommer bei brütender Hitze macht, zumal es auf der Meilerhütte auch kein Trinkwasser gibt, möchte ich nicht wissen. Also waschen und trinken. Die paar Höhenmeter, die es jetzt wieder bergauf geht tun weh.
 
Oberhalb vom Berglbach kommt man auf eine Forststraße und dem Abzweig Puitfeld bzw. Reindlau. Ich nehme den Weg nach Reindlau, immer an der breiteren Forststraße entlang am Bach. Vorbei an grasenden Kühen komme ich dann doch noch einmal zu einem Hinweisschild, das mir den Weg weist. Raus komme ich am Hotel Hubertus. 3 Stunden hat der Abstieg insgesamt gedauert. Dort sehe ich schon das Wartehäuschen des Busses, der mich zum Bahnhof Mittenwald bringen soll. Die 15 Minuten Zeit bis zur Abfahrt erscheinen mir für ein Pressbier zu wenig. Im Bus erfahre ich dann, dass dieser nur bis zur Leutascher/Mittenwalder Geisterklamm fährt. Der Bus in einer Stunde würde nach Mittenwald fahren. Seis drum, ein Sitzplatz ist Goldwert, zumal die ½ Stunde von da nach Mittenwald auch noch zu schaffen ist. Passend zur Geisterklamm fängt es dann noch zu nieseln und zu donnern an. Also nicht den Weg durch die Klamm und auf den Metallrosten, sondern den weiteren Weg durch den Wald. Ist auch nicht unschön. Auch hier überraschend wenig, bis gar keine Menschen. Was ist los? Stattdessen trabt keine 2 Meter von mir ein Reh aus dem Wald, schaut mich an und verschwindet gemächlich am anderen Wegrand. Schon seltsam die ganze Tour bis hierher.
 
Unten an der Klamm angekommen ist es immer noch ein ganz ordentlicher Hatsch (schönes bayerisches Wort, das sich von Hatsch der muslimischen Glaubensbrüder um den schwarzen Monoltithen in Mekka ableitet – auch das ein ganz schöner (Lebens-)Weg bis man da mal angekommen ist) zum Bahnhof. Die Zeit bis zur Abfahrt ist knapp und der Scheiß Kartenautomat will keinen 20er Scheine. Also ins Cafe, für das keine Zeit ist. Dort sind sie so nett und wechseln mir den Geldschein, damit ich nicht schwarz fahren muss. Im Zug werde ich dann prompt kontrolliert. In Garmisch am Bahnhof habe ich die Wahl zwischen auf den Bus zum Skistaion warten oder selber gehen. Zeitlich kommt das aufs gleiche raus. Ich entscheide mich für die Weicheiervariante. Nach 11 Stunden kann ich endlich die Schuhe wechseln. Jetzt nur nicht im Auto einschlafen.
 
Nachtrag: Nach mir die Sindflut. Ein paar Tage nach meiner Durchquerung gab es Starkregen. Die Partnach schwoll von 50 cm auf 1,6 m Höhe an. Eine 24-köpfige Wandergruppe, die unbedingt noch bei diesen Bedingungen durch die Klamm gehen musste – warum man dann bei diesen Bedingungen die Eingänge nicht absperrt, verstehe ich nicht – kam gerade so noch raus. Eine Autofahrer unterhalb der Klamm hatte das Glück nicht. Er ertrank beim Aussteigen aus seinem PKW.
© 2019 • Dr. Hans-Jürgen Hereth • Wertschätzung