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Shelley

Die Erschaffung eines Mythos: Frankenstein


Mary Wollstonecraft oder Mary Shelley, Bildnis von John Opire, 1797, gemeinfrei
Im November 1812 lernen sich Mary Godwin und Percy Shelley im Haus ihres Vaters, des Verlegers und politischen Philosophen William Godwin, in der Skinner Street in London kennen. Sein Haus bot zahlreichen zeitgenössischen Persönlichkeiten unterschiedlichster Ausrichtung ein Zuhause. Von früher Kindheit an war Mary Zuhörerin der gelehrten Gespräche und Diskussionen in ihrem Elternhaus gewesen. Sie war ebenso vertraut mit den pazifistischen und anarchistischen Ideen ihres Vaters, der glaubte herrschende gesellschaftliche Mißstände würden sich unausweichlich durch den Sieg der Vernunft ändern, wie mit den Schriften ihrer früh verstorbenen Mutter Mary Wollstonecraft, einer führenden Persönlichkeit der Frauenbewegung (sog. „Blaustrumpf“). Obwohl mary Godwin ihre Stiefmutter die „Witwe Clairmont“ nie als ihrer leiblichen Mutter gleichwertig akzeptieren konnte, pflegte sie ein inniges Verhältnis zu ihrer Stiefschwester Claire. Diese begleitete sie auf ihren Fluchten, war die Geliebte Lord Byron und die „intime“ Gefährtin ihres Mannes.
 
Percy Shelley machte sich mit seinen freimütig geäußerten unpopulären Auffassungen bezüglich Kirche, Monarchie, Pressefreiheit, Vegetarismus und Irlandfrage wenig Freunde. Zwar wurde sein lyrisches Werk „Queen Mab“ zur bevorzugten Lektüre der englischen und deutschen Demokratiebewegungen, seine vermögende, durchaus liberale Familie distanzierte sich aber deshalb ebenso von ihm, wie ihm seine Universität (Oxford) den Abschluss verweigerte. So trieben ihm, den Propagandist der freien Liebe, von früh an finanzielle Sorgen um Frauen und Kinder um. Seine erste Frau beging Selbstmord, das Sorgerecht für sein Kind wurde ihm aufgrund seiner Schrift über die Notwendigkeit des Atheismus entzogen. Die Heirat mit der 17 jährigen Kaffeehausbesitzerstochter Harriet Westbrook vergrößerte die Distanz zu seiner Familie nur noch. Auch diese zweite Ehe war nicht stabil. In dieser Situation träumte er von einem Idealbild einer schönen und zugleich klugen Frau. In Mary Godwin schien er es gefunden zu haben. Trotz der Sorge von Marys Vater, der Shelley für unberechenbar und verantwortungslos hielt und deshalb diesen Kontakt zu unterbinden versuchte, kam es zu einer Liebesbeziehung zwischen beiden. Um diese genießen zu können, beschlossen sie sich der väterlichen Fürsorge durch Flucht zu entziehen. Eingeweiht in das Vorhaben war lediglich die 16 jährige Claire Clairmont, die ihre Flucht auch mit antrat. Marys Vater verzieh ihr lange Jahre diesen Verrat und das Ausleben ihrer „lasterhaften Liebe“ nicht.
 
Am 28. Juli 1814 reiste das Trio von London nach Paris. Mit diesem Datum beginnt auch ihr mit Shelley gemeinsam geführtes Tagebuch. Ihre Flucht sollte 6 Wochen dauern. Sie beschlossen die Strecke von Paris nach Luzern zu Fuß zu erwandern. Doch bald schon stiegen sie auf die bequemere Transportmittel wie Esel, Maultier oder Pferdewagen um. Sie durchquerten die Trümmerfelder in Frankreich, die die Kosaken als Rache für die napoleonischen Verwüstungen in Rußland hinterlassen hatten. So gelangten sie mühsam über Neuchatel nach Luzern. Die obligaten Geldsorgen Shelleys erzwangen jedoch die Rückkehr nach England. Dem Rhein entlang reisten sie von Laufenburg über Basel bis zu dessen Mündung. Das bei dieser Reise gezeugte Kind verlor Mary Shelley ein Jahr später, während sich der Kindsvater mit Claire verlustierte. Auch wenn aus heutiger Sicht diese naive geplante Flucht als gescheitert angesehen werden muss, so ist doch der Versuch anerkennenswert ihre utopischen romantischen Ideen und Ideale in der Wirklichkeit umsetzten zu wollen.
 
Zwei Jahre später, im Frühsommer 1816 besuchten Claire Clairmont und die Shelleys für 3 Monate Lord Byron in seinem gemeinsam mit dem Arzt Polidori benutzten Haus bei Coligny am Genfer See. Auch die zweite Reise der Shelleys in die Schweiz war eine Art von Flucht. Die Gründe waren diesmal die angeschlagene Gesundheit von Shelley, der das heimische Klima nicht zuträglich war, die notorischen Geldsorgen und üblichen Vorurteile hinsichtlich ihrer gemeinsamen Lebensführung.
 
Nach der gleichen reizlosen Anreise über Paris und Troyes, die sie diesmal zu Pferd bewältigten, mussten sie sich den Weg durch die Berge zum Genfer See bei Nacht und Nebel und Schneetreiben erarbeiten. Doch welche landschaftliche Erhabenheit erwartete sie am Genfer See: sommerliche warme Luft umschmeichelte sie, stimmte sie hoffnungsvoll und der Blick auf den See und den Mont Blanc belohnte sie für die bisherigen Mühen. Zwar fanden sie in den ersten Tagen keine „besonders angenehmen Spazierwege“, doch wurde dieses Manko durch gemeinsame Bootsausflüge ausgeglichen, an denen sie u.a. die Schauplätze des Romans „Julie oder die neue Heloise“ von J.J. Rousseau zu erkunden suchten. In den folgenden Wochen fanden sich dann schließlich doch noch Wege, die über mehr landschaftliche Reize verfügten. Mit der ortansässigen Bevölkerung wurden sie aber mit Ausnahme ihres Bergführers Ducree nicht warm.
 
Ihre Exkursionen führten sie vorwiegend an den Mont Blanc mit seinen ihn umgebenden Gletscher (den Glacier des Bossons und den Gletscher von Montanvert) und an die Quelle des Arveiron. Doch nicht zu Fuß wurden diese Wege bewältigt, sondern zumeist reitend auf trittsicheren Maultieren.
 
Beeindruckt von der Masse aus Eis und Wasser und deren „tausendfach in unzähligen Figuren gebrochenen Kristallisationen“, „einem mächtigen Strom gleich, dessen Wellen und Strudel plötzlich eingefroren wurden“, erlebten sie sogar einen weithin hör- und sehbaren Eisabbruch, der in einer gewaltigen Lawine ins Tal stürzte. Diese Ungeheuerlichkeiten weißer „Pracht“ bestätigen sie in ihrer Annahme, dass Buffons (George-Louis Leclerc, Comte de Buffon) Theorie wohl stimmen müsse: da die Sommerhitze nicht mehr in der Lage sei, das nachkommende Gletschereis zu schmelzen, werde in Zukunft das Polareis vordringen, die Gletscher  weiter anwachsen und die „Erde in einen Klumpen Eis verwandeln“. Nun, heute sind wir schlauer. Zum Erleben von Eisabbrüchen muss man heute schon mit einem Sea Cruiser nach Grönland und die Polarregion fahren.
 
Von ihren Ausflügen nahmen sie Samen seltener alpiner Pflanzen mit, mit denen sie in England einen Garten anlegen wollen. Auch Mineralien landen im Reisegepäck. Nachhaltigen Eindruck hinterläßt die Spukrinne einer Burgruine bei St. Michel und der wohlige Schauer der Vorstellung, daß sich im Winter Rudel von Wölfen in dieser Gegend rumtreiben. Auch Bären sollen sich damals gelegentlich noch an den See gewagt haben.
 
Der von diesen Vorstellungen geschürte Schauer wird durch die Lektüre einiger Bände Gespensterliteratur gesteigert, die sie in den durch das schlechte Wetter bedingten Ausflugspausen lasen. Darin wimmelte es nur so von untreuen Liebhabern, die sich in bleiche Geister verwandelten, monströsen schattenhaften Gestalten, die ihre Umgebung in Angst und Schrecken versetzten. Die drei Männer und Mary Shelley kamen schließlich überein, daß jeder eine Gespenstergeschichte schreiben solle. Doch die „erlauchten Poeten, verärgert durch die Gewöhnlichkeit der Prosa, ließen rasch von der ihnen unwürdigen Aufgabe ab“, obwohl alle so entstandenen Texte später Eingang in deren Publikationen fanden.
 
Wie in den Gesprächsrunden bei ihrem Vater, war Mary auch in dieser Runde die Rolle der stillen bewundernden Zuhörerin zugedacht. Doch aus dem Diskussionen über philosophische Lehrmeinungen und wissenschaftlichen Experimenten, ob allein die Natur die Grundlage des Lebens bilden würde, kristallisierte sich bei Mary Shelley die Idee, ob man nicht vielleicht „einzelne Teile einer Kreatur herstellen, zusammensetzen und mit Lebenswärme versorgen“ könne.

Manuskriptseite des Buches "Frankenstein" von Mary Shelley, gemeinfrei
Die Vorstellung der Erschaffung künstlichen Lebens beschäftigte sie in ihren Träumen weiter. Sie schenkten ihr Bilder, die an Lebendigkeit die Grenzen eines üblichen Traumes weit überschritten. In einem dieser Träume sah sie Lebenswerdung eines Körpers mittels einer Maschine. Verschreckt und verängstig erwachte sie. „Ach könnte ich nur eine (Gespenstergeschichte) erfinden, die meine Leser genauso erschrecken würde, wie ich mich in jener Nacht geängstigt hatte“ Doch nahezu zeitgleich mit diesem Wunsch kam die Eingebung, dass sie ja nur ihren eigen Traum aufzuschreiben bräuchte. Zunächst dachte sie nur an die Skizzierung weniger Seiten, doch auf Anraten ihres Mannes arbeitete sie die Idee ausführlicher aus. Einige Gedankenstränge, wie das Zusammentreffen von Victor Frankenstein mit seiner Kreatur am „Mer de Glace“, waren nahezu textidentisch wie im späteren Buch schon in ihren Tagebuch skizziert worden.
 
Das so entstandene Buch ist aber nur vordergründig eine Gruselgeschichte. Hintergründig verbirgt sich darin die Verarbeitung privater Erlebnisse. Ebenso wie Frankenstein sich die menschliche Sprache erlauscht hatte, war Mary Shelley die meist unbeteiligte Zuhörerin in den gelehrten Diskussionen der „Herren“. Wie ihre Romanfigur musste sie sich ausgeschlossen und nach ihrer Flucht mit Shelley von ihren Vater mißachtet und verstoßen gefühlt haben. Weiterhin spielt in den Roman die mangelnde Fürsorge der Erschaffenden/Erzeuger ihren „Kreaturen“ gegenüber eine genau so große Rolle wie die Wiedererweckung von Toten. Gleichsam wie der Protagonist in ihrem Buch versuchte Mary ihr totes Baby durch Körperwärme ins Leben zurückzuholen. Tod, Trauer und Einsamkeit waren ihre ständigen Begleiter. Ihre Stiefschwestern begingen Selbstmord, von ihren Kindern überlebte nur eines und Shelley selbst verunglückte beim Segeln auf tragische Weise. Zwar entkrampfte sich nach seinem Tod das Verhältnis zu dessen Familie, auch war sie nun durch diese finanziell abgesichert, doch blieben Reisen für sie ein Heilmittel ihre Melancholie und anhaltende Trauer verarbeiten zu können.
 
Wieder daheim angekommen hatte der Spuk ganz reale Züge bekommen. Ein gewaltiger Vulkanausbruch in Indonesien schleuderte Unmengen von Staub und Asche in die Atmosphäre. Die Folgen war eine empfindliche Abkühlung des Weltklimas, Mißernten und Hungersnöte, unter denen England auch ein Jahr später noch zu leiden hatte. Dieser Sommer ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichtsbücher ein.
© 2017 • Dr. Hans-Jürgen Hereth • Wertschätzung