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Sudetenland

Der „Nemec-Transfer“. Erinnerungen einer Betroffenenen

Ab 1944 gab es wegen der ständigen Fliegeralarme keinen geregelten Schulbetrieb mehr. Mein Vater aus Budweis stammend, ist zweisprachig, deutsch und tschechisch, aufgewachsen. Wenn die Budweiser uund Reichenberger Verwandschaft kam – und sie kam sehr oft – wurde, damit wir nichts verstehen konnten tschechisch gesprochen. Die Sprache verstanden aber weder meine Großeltern mütterlicherseits noch wir Kinder. Das ärgerte und tut es noch heute so, daß ich Oma und Jara unser tschechisches Dienstmädchen aus dem Riesengebirge bat, mir Unterricht in dieser Sprache geben zu lassen. Das war von großem Vorteil, denn ab der Kapitulation gab es nur noch Tschechisch als Amtssprache. Da konnte ich wenigstens dolmetschen.
 
Ab den verherenden Luftangriffen auf Dresden, 100 km Luftlinie, roter, tagheller Brandhimmel, hatte Oma immer einen Notkoffer mit allen Unterlagen griffbereit. Das kam uns 1945 sehr zugute. Oma hatte Jara nach Hause geschickt, weil sie die Verantwortung für das fesche Mädel nicht übernehmen konnte. Und so waren wir allein auf uns gestelllt. Nachts rollen Fuhrwerke und Flüchtlinge aus ostpreußen und Schlesien durch die Straßen. Die Pferde waren klapperdürr und oft am Ende. Dann kamen die Fuhrwerke – ohne Pferde – mit KZ-Häftlingen die die schwächsten aufgeladen hatten und von den etwas stärkenen gezogen wurden. Die KZ-Aufseher in Reitstiefeln und Peitschen verboten jeden Kontakt. Das war unerträglich aber keiner hatte den Mut dem Treiben entgegenzutreten, denn sie drohten jedem mit der Waffe.
Ja und dann die Kapitulation.
Auf einmal war alle Macht bei den Tschechen und sie sulten sich darin. Das waren wohl sie „Milizionäre“, die aus untersten Verhältnissen kommend, es den „Reichen“ heimzahlen wollten. Sie kamen Nachts mit vorgehaltener Maschinenpistole und holten die Leute ab. Hatten die Abgeholten es geschafft in aller Eile Wertsachen mitzunehmen, waren Schläge und die Wegnahme der Wertsachen die Folge. In den Nächten war das Wehgeschrei und die verabfolgten Schläge besonders schlimm zu hören. Audgestöberte Soldaten hatten keine Überlebenschance, die wurden brutal erschlagen. In Budweis mussten 2 meiner Verwandten, die beim deutschen Mititär waren und von den Tschechen erwischt wurden, ihr eigenes Grab schaufeln um dann erschlagen hineinzufallen.
So machten es die Tschechen mit allen deutschen Soldaten, in Prag, Brünn und den anderen großen Städten. Es war bestialisch!
Da unser Haus ja direkt an der Hauptstraße Gatlory (?) und Reichenberg stand, hatte Opa und Oma, um den Räubereien der einrückenden russischen Soldaten vorzubeugen, das Silber im Dachboden unter den Sparren versteckt, Teppiche, gute Bett- und Tischwäsche zu ihren Geschwistern im abgelegenen Örtchen Dörfel untergebracht. Porzellan und Bleikristall war im Keller unter den Kohlen. Das Silber werden unsere Nachbesitzer des Hauses beim event. Umbau des Dachstuhls gefunden und sich gefreut haben. Die bei den Verwandten untergebrachten Gegenstände gingen in deren Besitz über mit den Worten von Omas Bruder „was Dein war, ist jetzt meins und was mein ist, geht dich nichts an!“. Prima. Er war ein Erzkommunist. Die Teppiche haben angeblich die Tschechen konfisziert, nur habe ich diese dann bei einem Jahrzehnte späteren Besuch in der Wohnstube wiedergefunden.
 
Ja, ich glaube es war September 1945 da ereilte auch uns die tschechische Willkür.
Das Gartentor fast 2m hoch hatten die Abgesandten der Narotny Vibar = tschechische Gemeindeverwaltung, wohl eingetreten, denn als es an der Haustüre klingelte, standen 2 Uniformierte mit vorgehaltenen Gewehr vor uns und forderten uns auf, das Haus innerhalb kürzester Zeit zu verlassen.
Oma und Opa eilten von Zimmer zu Zimmer und nahmen mit, was wichtig und dringend benötigt wurde. Für mich war die von meiner Mutter geschenkte Puppe und das Puppenbett das wichtigste. War ich so behüütet, dass mir kein Gedanke an die Realität kam?
Dann mussten wir unter vorgehaltener Waffe Haus und Grund verlassen und wurden in das Armenhaus der Gemeinde eingewiesen.
Für uns Kinder war es eine neue Erfahrung. Wir gingen auf Entdeckungstour und entdeckten in der Bratpfanne im Ofen das Gebiß des Wohnuunggsvorgängers. Da die Wohnverhältnisse sehr beengt waren, hielten wir uuns so oft es ging bei Bekannten und entfernten Familienmitgliedern u.a. im Pfarrhaus bei PPfarrer Angst (?) auf, der ein Verwandter von Oma war. Das Pfarrhaus war ein interessanter Ort, denn es beherbergte viel Gestandete. Neben dem Pfarrhaus, nur durch die Strasse getrennt, waren die Villen der Fabrikbesitzer Gyskeys und Malman, die von den Russen besetzt, die Besitzer vertrieben und für uns Kinder sehr geheimnisvoll waren. Vor allem hatten es uns die russischen Pferde die sog. Panje angetan.
Nachdem Opa als Facharbeiter die Tschechen einarbeiten musste,war für uns die Ausreise d.h. die Vertreibung verschoben. Die Transporte wurden im Aufnahmelager Friedland zusammen gestellt und allesamt in die russische Besatzungszone verschickt.
Ende Sereptember 46 erhielten wir den Ausweisungsbescheid. Die Männer zimmerten stabile Kisten, in die unser verbliebenes Hab und Gut – 30kg pro Person – verstaut werden konnte. Wir hatten das Privileg, dass unsere Kiste zusammen mit Onkel Franz – geb. Tscheche – Prof. an der handelsakademie in dessen Wohnung verzollt werden konnte. Die Kisten hatten ausgefüllte Hohlräume, in denen Geld und Schmuck versteckt worden war. Tante Resi, Ehefrau des Professors, ließ wohl ihren ganzen Charme spielen, denn die Zöllner waren sehr zuvorkommend. Dann wurden die verzollten Kisten auf Lastwägen aufgeladen und mit uns zusammen ins Ausweisungslager nach Friedberg bei Reichenberg gebracht. An die Zeit im Lager, ob wir dort verpflegt wurden oder nicht, entzieht sich meine Kenntnis. Die Flöhe und Wanzen, die mich allein von unseren gesamten Raum heimsuchten, sind mir auch nach Jahrzehnten in übelster Erinnerung.
Die Männer mussten die Kisten in Viehwaggons hiefen und stapelten sie so, dass wenigstens eine Sitzmöglichkeit gegeben war. Wir wurden wie Vieh verladen, die Türen von außen verriegelt, ein Eimer für je 1 Waggon für die Notdurft mitgegeben und dann rollte der Zug mit ca. 40 Waggons Richtung Westen.
Wir waren tagelang unterwegs und ab und an hielt der Zug, damit die Eimer entleert werden konnten. Wie es mit einer Verpflegung, Trinkwasser etc. verhielt, kann ich mich nicht erinnern. Auf Nachfrage erhielt ich die unterschiedlichsten Berichte. In Erinnerung blieb mir die Ankunft auf westdeutschen Gebiet.
Wir kamen ohne unsere Kisten in ein von den Amerikanern kontrolliertes Lager. Zur Begrüßung wurden wir von oben und unten mit DDT Pulver eingestäubt. Wenigstens unsere Flöhe und Wanzen waren wir los! Von diesem Lager aus setzte sich der Treck wieder in Bewegung in Richtung Kempten/Allgäu. Dort wurden unsere Kisten von den Waggons abgeladen und in eine große Halle einer leerstehenden Fabrik transportiert. Mit den Kisten baute sich jede Familie einen Intimbereich und war froh, dem Lager und vor allem dem Zug entkommen zu sein. Ruhig und ohne Emotion erwarteten wir die folgenden Tage.
 
Es war eine gespenstische Lage. Einerseits waren wir froh, der Willkür der Tschechen entkommen zu sein, andererseits fühlten wir uns recht- und heimatlos und von keinem gewollt. Da wir ja nichts als unsere erbärmlichen Kisten besaßen und wahrscheinlich ziemlich ramponiert aussahen, wurden wir von der Bevölkerung nicht freundlich aufgenommen.
Mein Vater, der in Gapa Zuflucht gefunden hatte, wurde benachrichtigt und besorgte zuerst uns Kindern – Dieter und mir – den Zuzug von der englischen Besatzungszone in die amerikanische Zone [falsch, war alles amerikanische Zone]. Mit dem Zug fuhren wir von Kempten nach Garmisch. Es war eine Vollmondnacht im November und die schneebedeckten Berge flößten mir Angst ein. Ich meinte die kämen auf mich herab.
Unser neues Zuhause in Gapa gestaltete sich als Küche mit 8qm ohne Wasseranschluß und Schlafraum 20qm für 5 Personen. Toilette teilten wir uns mit weiteren 5 Personen, die je ein Zimmer in der ehemaligen „englischen Villa“ zugeteilt bekommen hatten. Eine Hausbewahrerin, die schon die englöische Herrschaft betreut hatte, sorgte für Ordnung. Solane die „Theres“ das haus verwaltete, es gehörte auch eine Kirche, das sog. „englische Kircherl“ zu dem Anwesen, auf dem heute die Allianzversicherung, Spielplatz und jetzt Sozialwohnungen stehen, dazu, war alles in Ordnung. Ein stattlicher Besitz, der dann nach dem Tod der „Theres“ zerfiel. Die Bewohner der oberen Stockwerke brachen Türen und Schränke auf und über Nacht verschwand alles was brauchbar war. Sogar das Meissner Porzellan, das sich in einem großen Schrank im Parterre befand, war plötzlich über Nacht verschwunden.
Nach einigen Wochen, da war das Heimweh schlimm für mich, erhielten auch Opa und Oma den Zugang nach Gapa.
Die Enge, die ungewohnte Umgebung, Hilde mit ihrem 1. Kind, keine Ecke zum zurückziehen, belasteten mich schwer. Als Oma und Opa dann kamen, war wieder ein bisschen Geborgenheit und Heimat da.
Oma und Opa wurden bei Hausbesitzern in der Nachbarschaft – Fritz- Müller-Straße – in deren Wohnzimmer eingewiesen. Da sie in ihrer neuen Unterkunft nicht kochen und sich selbst versorgen konnten, waren sie den Großteil des Tages ebenfalls in der 2-Zimmer Wohnung in der Schornstraße. Hilde war wieder schwanger, es kam alles zusammen, da auch mein Onkel Hans und Walter oft Gäste in der „Riesenwohnung“ waren.
Man arrangierte sich so gut es ging. Mein Vater hatte eine Anstellung in einem Bierdepot bekommen und war den ganzen Tag nicht da.
Das Mittagessen im Kochgeschirr von der Wehrmacht brachte ich ihm Mittag in den Betrieb. Bei diesem Gang kam ein Mädchen in meinem Alter auf mich zugerannt, verpaßte mir ein paar Ohrfeigen, worauf ich die Böschung hinunter fiel und einen Teil des Essens verschüttete. „Du Sauflüchtling, du dreckiger“ war ihre ganze Argumentation. Heulend kam ich bei meinem Vater an und wurde dort auch noch für die verkleinerte Mittagsration gescholten. Schlagen ging gar nicht; ich schwor mir, dass mir dies nie wieder passieren sollte. Ab da wurde ich ein wehrhaftes Mädchen und trug manchen Zwist aus. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass genau dieses Mädchen dann im Lyzeum meine Freundin wurde. Da es in der CSR ab Anfang 45 zunächst ständige Fliegeralarme, dann die tschechische Regierung, für uns Deutsche bis zur Ausweisung 1946 keinen Schulunterricht gegeben hatte, habe ich 2 Klassen altersmäßig überspringen müssen. Dank unserem ausgezeichneten Schulsystem in der Heimat habe ich dies geschafft und konnte bald ins Lyzeum wechseln. Meine Großeltern wurden 1947 in ein Hotel – 1 Zimmer – eingewiesen und konnten dort mit vielen anderen die jeweils auch nur ein Zimmer zugeteilt bekamen, einigermaßen normal leben. Aus jedem Fenster schaute ein Ofenrohr heraus und am Abend rauchte es aus allen Rohren.
© 2017 • Dr. Hans-Jürgen Hereth • Wertschätzung