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Sisi -Kaiserin Elisabeth von Österreich

Fluchtpunkt Sport


Michaela Melian: Sis, Strickbild. Eigentum HJHereth, www.fluchtwege.eu
“First of all: SPORTS”. Das extremste Gegenteil von Winston Churchills Maxime (durch)lebte Elisabeth von Österreich: Sport, Sport, Sport und, um die Figur zu erhalten, immer abstrusere Diäten.
 
Elisabeths Vater, Herzog Maximilian von Bayern, war wohl einer der wenigen Adligen im 19. Jahrhundert, der öffentliche Schulen und Universitäten besucht hat. Dementsprechend liberal und volksnah waren auch seine an Johann Friedrich GutsMuth, dem „Turnvater Jahn“ und dem Philanthropen Rousseau angelegten Erziehungsmethoden. Der gesunde Geist sollte dem gesunden Körper folgen. Damit stand er im Gegensatz zu seinen Standesgenossen, die außer Reiten – und dies nur weil es als Fortbewegungsmittel notwenig war – keinerlei Sport betrieben, ja diesen als unter ihrer Standeswürde empfanden. Auch schränkte die damalige Mode der besseren Gesellschaft eine körperliche Betätigung eher ein, als dass sie diese förderte.
 
Dem „bewegungssüchtigen“ Kind Elisabeth, die weder ruhig sitzen konnte noch wollte, kam dieses Erziehungsideal entgegen. Von früh auf lernte sie, ebenso wie ihre Geschwister, neben Reiten auch Wandern, Kraxeln und Bergsteigen. Besonderen Wert wurde auf eine Ausbildung der Geh- und Steigetechnik gelegt, für die es einen eigen Lehrer gab. Diese Technik ermöglichte es Elisabeth, ihre Gewalttouren relativ problemlos zu überstehen. Ihr sie begleitender Griechischlehrer Christomanos beschreibt ihren so erlernten Gangstil wie folgt: „Sie geht weniger als sie wandelt – eher könnte man sagen, sie gleitet – den Oberkörper leicht rückwärts und in den Hüften gewiegt. An die Bewegungen eines Schwanenhalses erinnert dieses Gleiten. Wie ein langstieliger Iriskelch, der im Wind pendelt, schreitet sie über den Erdboden, und ihre Schritte sind nur eine fortgesetzte, immer neu ansetzende Ruhepause“.
 
Elisabeth betrieb die von Kindheit an erlernten Sportart intensivst. Nach der aus Gesundheitsgründen bedingten Aufgabe des Reiten – sie galt immerhin als eine der besten Reiterin der Welt - , betrieb Elisabeth auch das Wandern ab 1883 als Leistungssport. Gleichzeitig boten ihr ihre sportlichen Aktivitäten einen Ausgleich zu den starren, sie einengenden höfischen Leben. Hier war sie für ihre Kinder, ihren Mann und den Hofstaat nicht fassbar, und wenn, dann mussten sie ihr im wahrsten Sinn des Wortes hinterherlaufen. Die von ihr bevorzugten Sportarten, hatten zudem den Vorteil, dass sie außer den notwendigen protokollarischen Begleitpersonen (Personenschutz, Hofdame), allein war. Um auf ihren „Inseln der Einsamkeit“ nicht erkannt und belästigt zu werden, trug sie immer einen Fächer oder einen Schleier mit sich, mit dem sie sich neugierigen Blicken entziehen konnte.
 
Beliebt war die Aufgabe, sie auf Ihren Wanderungen zu begleiten, nicht. Die adeligen Hofdamen verfügten nicht über Elisabeths sportliche Ausbildung und Kondition und dennoch mussten sie sie, ob sie wollten oder nicht, zu jeder Tageszeit, bei jeder Witterung und meist über die gesamte Distanz begleiten. Lediglich ihr Griechischlehrer Constantin Christomanos, der ihr während des Gehens aus Büchern vortragen musste, und die Hofdame Gräfin Festetics vermöchten ihr annähernd zu folgen. Zwar traten die Habsburger, Wittelsbacher und Wettiner immer schon als begabte Bergsteiger und Wanderer hervor; auch Spazierengehen oder Promenieren war durchaus gebräuchlich, aber „Spazierläufe“ von bis zu 10 Stunden, wie sie Elisabeth ausübte, sprengten den Rahmen des Vernünftigen und stießen auf allgemeines Unverständnis.
 
20 bis 30 km lange Bergstrecken in 4-5 Stunden Wegzeit waren für sie nichts Ungewöhnliches, es konnten aber auch 9-stündige Gewaltmärsche werden. Im ebenen Gelände schaffte sie manchmal eine Weglänge von 60 km (von Schloß Schönbrunn durch den Wiener Wald nach Preßbaum und zurück) in knapp 6 Stunden. Das ergibt einen Kilometerleistung von 10 km/h ungejoggt.
 
Ihre sportlichen Aktivitäten, verbunden mit vielen abstrusen Diäten, boten ihr anfänglich die Möglichkeit, den von den Geburten der drei Kinder „verunstalteten“ Körper wieder in ein statuenhaftes Ebenmaß zurückbringen zu können. Mit ihrem jugendlichen Körper und ihrem Aussehen hatte sie modische Maßstäbe, ja sie kreierte ein Schönheitsideal, dem viele Bewunderinnen nachzueifern bemüht waren. Nur in ihr Tatoo auf der Schulter, ein Anker als Reminiszenz an ihre Verbundenheit zum Meer, fand als damals eher proletarisches Schmuckstück, keine Nachahmer(innen). Das hat sich heute grundlegend geändert.
 
Gesund war dieser Lebenswandel aber nicht, zumal sie sich und anderen auf ihren Märschen keine Rast gönnte und meist nur geringe Mengen an Nahrung zu sich nahm. Außer etwas Milch oder den Saft einer Orange gönnte sie sich nichts. Sie wurde durch diese „Kur“ nicht nur magerer und blasser, sie bekam auch Ischiasbeschwerden an den Füßen, hatte Nervenschmerzen und litt zunehmend unter Schlaflosigkeit (daher auch die nächtlichen Ausflüge).
 
Nahmen die Schmerzen überhand, begab sie sich in ärztliche Behandlung. So boten die Krankheiten ihr eine Entschuldigung vor der höfischen Etikette sich monatelang im Ausland aufhalten zu können. Trotz zahlreicher Kuren in Gastein, Karlsbad, Meran, Levico Terme oder Baden-Baden, vermochte nur der in den Niederlanden ordinierende Rheumaarzt Johann Georg Me(t)zger ihr zeitweise Linderung zu verschaffen und sie von einem annähernd halbwegs normalen Lebenswandel zu überzeugen. Lange hielten die Vorsätze aber nicht vor. Ging es ihr besser, fing sie sofort wieder mit dem Sport an. Dieser, in Verbindung mit ihren vermeintlichen „Diäten“ bildeten neben der Pflege der berühmten „Steckbrieffrisur“ ihre einzige wirkliche Beschäftigung.
 
Elisabeth versuchte sich ab dem 20. Lebensjahr an einer Unzahl von Diäten und Schlankheitsprozeduren. Sie war der Überzeugung, dass nur eine dünne Kaiserin bewunderungswürdig sei. Jeden Morgen und Abend musste ihre Friseuse Franziska Feifalik ihre Taille- , Waden- und Schenkenumfang messen und die Werte einschließlich des Gewichts in ein Buch eintragen, das die Kaiserin mit zahlreichen Anmerkungen versah. Hatte sie ein paar Gramm zugenommen, mussten sofort Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, denn ein „Gewichtszunahme ist von allen Übeln jenes, das mich (Elisabeth) am meisten kränkt“. Das vermeintliche Übergewicht hungerte sie umgehend herunter.
 
Nach unseren heutigen ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen war Elisabeths Eßverhalten unsinnig, widernatürlich und grenzte an Selbstverstümmelung. Sie trieb Sport bis zur völligen Erschöpfung, trank und aß wenig und zudem das Falsche oder genoß das Falsche dann auch noch in Unmengen. Rinderkraftsuppe, Fleisch, zumeist in kalter Form, rohes Ochsenblut, Milch, Mehlspeisen und Eiscreme bildeten ihre Hauptnahrungsmittel. Obst, Gemüse und Ballaststoffe fehlten völlig auf ihrem Speiseplan. Ihre Essbereitschaft war zudem von den sie umgebenden Personen abhängig. Befand sie sich in Gesellschaft ihrer bayerischen Familie konnte sie enorme Mengen an Fleisch, heißer Schokolade, Eis oder Cremetorten zu sich nehmen. Ihre angeheiratete Familie bestrafte sie zur Rache mit Abwesenheit von der Essenstafel – sie durfte ja wegen ihrer Diät nichts essen.
 
Ihre wichtigsten Hauptnahrungsmittel Milch und Eiscreme mussten immer vorrätig sein. Deshalb führte sie auch auf Reisen immer Kühe, Schafe und Ziegen als „Reisegepäck“ mit sich. Viel Milch gaben die solchermaßen gestressten Tiere aber nicht. War sie unterwegs, kehrte sie gerne in Almen und Bauernhöfen ein, um Milch zu verkosten.
 
Die durch diesen extremen Lebenswandeln bedingten früh auftretenden Alterungs- und Verschleißerscheinungen versuchte sie weitgehend zu ignorieren. Ihr schon mit 50 Jahren stark gealtertes Gesicht verbarg sie, so gut es ging. Von ihr, dem Schönheitsidol ihrer Zeit, gab es schon lange keine aktuellen Fotos oder Gemälde mehr und wenn, dann waren sie retouchiert.
 
Milch und Eiscreme waren auch die letzten Lebensmittel, die sie vor ihrer Ermordung durch den italienischen Anarchisten Luigi Lucheni 1898 in Genf zu sich nahm. Dieser wollte eigentlich durch den Mord an dem Prinzen von Orleans eine große anarchistische Tat vollbringen, musst aber durch dessen Nichtanreise auf ein anderes Opfer ausweichen. So traf es tragischerweise die inkognito als Gräfin von Hohenembs angereiste Elisabeth, was dem Täter eine wesentlich höhere Aufmerksamkeit bescherte.
© 2017 • Dr. Hans-Jürgen Hereth • Wertschätzung