druckkopf

Grenzenlos wandern
Etappen
Bär und Deserteur
 
Karwendelhaus- Lamsenjochhütte (geplant)
7,14 Std, 20,1 km, 1351 ↑↓ 1143 HM
Lamsenjoch Hütte Karwendelrast (ungeplant)
7,5 Gehzeit, ungeplant 11 Stunden
Tourenverlauf und Streckenprofil

11.37 Std., 33,2 km, ↓2334 Hm ↑1423 HM
Kompass 290/2
 
Das Frühstück an der Karwendelhütte spare ich mir. Ich gebe den Schlüssel ab und gehe um 7.30 Uhr los. Den Weg habe ich dann für lange Zeit für mich alleine. Zunächst geht es auf der Forststraße zum Hochalmsattel und dann zum Jochkreuz.

Hochalmsattel
Wie bestellt geht kurz danach hinter dem Kuhkopf die Sonne für mich auf und spitzelt über den Bergrist. Die Gegenseite des Birkarmassivs ist die ganze Zeit schon sonnenbeschienen.

Sonnenaufgang am Hochalmsattel über dem Kuhkopf

Sonnenaufgang am Hochalmsattel
Nach dem Graßlegerbichl, von dem aus man die grüne Anhöhe der Falkenhütte sieht, teilt sich endlich der Weg. Fußgänger dürfen den alten Weg begehen, Radfahrern wird weiterhin die Forststraße angewiesen. So geht es durch Vogelgezirpe und Latschen zum kleinen Ahornboden abwärts. Dort trifft man auch wieder auf die Forststraße. Eine kurze Rast am Denkmal des bergsteigerischen Erschließers des Karwendels Herrmann von Barth sollte man schon einplanen. Gestorben in Afrika. Die Biografie verspricht neue Entdeckungen.
 

Wieder teilt sich der Weg. Der schöne schmale ist für die Fußgänger bestimmt und trifft im Saulisswald wieder auf die Straße, die sich in vielen Kehren zur Ladisalm schlängelt. An dieser vorbei bedarf es noch ein paar Kehren bis der Fußweg durch die Wiesen wieder abzweigt. Kurz vor der Kuppe sieht man den Baukran der Falkenhütte. Nach genau 2,5 Stunden, wie auf den Schildern ausgewiesen, steht man vor der Baustelle, die bis 2019 Bestand haben wird. Die Pause hat man ja eh schon an dem kleinen Wiesenbach vorhin gehabt. So, das war das erste mal runter und wieder rauf.
 


Wände des Schlauchkars
Von der Falkenhütte folgt man der Straße über ein paar steile Kehren bis man zum Abzweig über die Laliderer Reißen kommt, die oberhalb der Lalidereralm Niederleger nahezu auf einer Höhenlinie zum Hohljoch führt. Ab hier wird es auf einmal wuselig. Von der Engalm drückt es die Menschen hoch. Auch eine Schulklasse mit ca. 12 jährigen Mädchen und Jungen, die sich weit auseinandergezogen durch die wärmedurchfluteten Latschen hochquälen. Eines der Mädchen fragt mich, wieviele Minuten es denn noch bis zur Karwendelhütte sind. Als ich ihr geantwortet habe, dass ich dort vor 4 Stunden losgeganegen bis, hat sie für einige Zeit den Glauben an Gott oder die Lehrer verloren. Mit einer kleinen Trinkflasche pro Kind als Ausrüstung und dem nächsten Brunnen im kleinen Ahornboden, fand ich das ziemlich fahrlässig, zumal auch Kinder mit größeren BMI dabei waren. Bei der Hitze ist das echt keine Gaudi mehr. Auch die älteren Erwachsenen, denen ich auf diesem Stück begegnet bin, kamen ganz schön ins Schnaufen.
 
Wie nach Fahrplan in weiteren 2,5 Stunden an der Eng. Ich brauche jetzt einen Schattenplatz und etwas zu essen. In dem großen Restaurant der Eng Almen hole ich mit an der Selbstbedienungstheke eine Suppe und ein kaltes Mineralwasser. Beides je 5,40 Eur. Sehr, sehr stramm der Preis, aber ist halt der große Ahronboden und der „gemeine“ Bustourist ist Nepp wegwohnt. Wenigsten das Wasser zum Nachfüllen der Trinkflaschen auf den Toiletten war kostenfrei. Eigentlich bin ich noch etwas zu früh am Tag dran, um zur Lamsenjochhütte aufzusteigen, aber der Ort gefällt mir für eine längere Rast so gar nicht.
 
Auf der Forststraße geht es stramm den Berg hoch zur Binsalm Niederleger. Auch diese ist bewirtschaftet. Es sitzen aber „nur“ Mountainbiker da, und so coll wie die Herrschaften bin nun leider nicht angezogen. Außerdem ist es Mittag, heiß und ich will die letzten Körner nicht in der Hitze verbacken. Ein Stück weiter zweigt der Weg dann von der Straße ab Richtung Gramaijoch. Nach ein paar Minuten weiter zweigt der Weg rechts ab Richtung Hahnkampl und westlichen Lamsenjoch. Das waren jetzt wieder 2 Stunden satter Aufstieg, wie unten angekündigt. Von hier aus kann man schon die Lamsenjochhütte und den halbwegs ebenen Weg dorthin sehen. Weit kann man ins Falzthurntal mit dem steilen Anstieg zur Lamsenjochhütte hinabsehen. So nah und doch so fern. Was vom Lamsenjoch wie ein kurzer Spaziergang ausah, entpuppt sich dann in Wirklichkeit zu einem fast halbstündigen Weg. Auf der Karte ist der Weg von der Eng zur Lamsenjochhütte ein Vogelschiß, der sich aber in Wirklichkeit zu einem großen Fladen hinzieht.
 
Das war also das zweite Mal den Berg hoch und das eigentliche Ziel dieses Tages. Oben angekommen schaue ich mir erst einmal die Wand an, durch die ich eigentlich zur Lamsenjochscharte hochsteigen und zum Zwerchloch absteigen wollte.

Aufgang zur Lamsenjochspitze
In Serpentinen geht es die Kiesfelder hoch zur Felswand, dann über ein kleines Schneefeld weiter über einen schmalen Steig unter einem Felsband, bis schließlich der Weg in einer Felsspalte verschwindet. Erscheint mit etwas sehr kinffelig und eigentlich traue ich mir das alleine nicht so ganz zu. Also gehe ich in die Hütte, um meine Reservierung zu bestätigen und den Wirt nach dem morgigen Weg zu fragen. Doch dieser hat nun so gar keine Zeit für mich, sagt das auch sehr deutlich, wedelt mich mit den Händen weg und knallt mir die Tür zu dem Büro vor der Nase zu. Jetzt bin ich doch etwas konsterniert und sitzte im Vorraum geduldig 10 Minuten bis der Herr Zeit für mich findet. Tut er aber nicht, spricht mit den Bedienungen und fährt kurze Zeit später mit dem Auto weg. So steh ich da, ich armer Thor und komm mir so verloren vor.
 
Dann eben die junge Bedienung. Ich sage ich habe reserviert, aber keine Antwort erhalten. Die Reservierung ist eingegangen, aber nur für ein Lager, nicht für das gewünschte Einzelzimmer. Wäre auch kein Problem, da mit mir eh nur 5 Übernachtungsgäste dagewesen wären. Sie zeigt mir jetzt auch noch einmal den Weg zum morgigen Einstieg. Ich bin immer noch unschlüssig, zumal ich nicht weiss, wie es hinter der Wand aussieht und trinke erst einmal ein Bier. Danach siegt der Feigling in mir und ich sage die Übernachtungsreservierung ab und teile ihr mit, dass ich mir im Tal eine Übernachtungsmöglichkeit suche. In 2,5 Stunden wäre ich ja unten. Sie schaut mich an und sagt nichts. Na gut, es ist 15 Uhr und es geht auf einer Forststraße bergab. Trotz der jetzt schon 7,5 Stunden in den Schuhen muss das ja zu schaffen sein. Eine andere Alternative zum Einstig in die morgige Etappe gibt es eh nicht.
 
Bis zur Stallenalm geht er relativ flott. Hier treffe ich auf eine junge Frau, die ich/sie mich ein Stück des Weges begleiten soll. Auf Hinweisschilder ist die Wegzeit nach Georgenberg/Fiest mit 4,5 Stunden vermerkt ist. Nach den Zeitangaben des Tages habe ich mich da aber sauber verschätzt. Nach der ersten möglichen Abzweigung halten wir uns links auf der alten Auffahrtsstraße zur Stallenalm und sind wieder auf der Via Alpina. Dieser Weg fällt stramm nach links in die Gamsgartenklamm ab. Zwei Marterln erinnern an Männer, die dort bei der Holtarbeit abgestürzt sind. Wie man in dem steilen Abhang überhaupt gehen kann kann, ist mir ein Rätsel. Vor dem Abzweig dann zur Wolfsklamm/Georgenberg macht mich meine Begleiterin auf eine Stelle aufmerksam wo kurz hintereinander 3 Mountainbiker in den Tod gestürzt sind. Deshalb wäre dieser Weg auch für diese gesperrt. Am Ende des Weges vor dem Parkplatz Bärenrast versprerren 2 Steine halbherzig den Weg. Ein entsprechendes Verbotsschild habe ich nicht gesehen.
 
Ist ja auch gerade eben nicht mein Problem. Ich brauche dringend ein Bett und etwas zu essen. Am Georgenberg gibt es das nicht mehr, das sitzen jetzt die Patres auch Fiecht selber drin. Die nette Frau nimmt mich noch gefühlte 2 Minuten mit dem Auto zum Abzweig zur Karwendelrast mit, dessen Hinweisschild mich auf weitere 2,5 Stunden vorbereitet. Eigentlich bin ich jetzt schon ziemlich platt.
 
Nun gut. Hilft ja nix. Der Weg, der sog. Alpsteig, geht nahezu auf einer Höhe bleibend eine ziemlich gute Stunde bis zur Rodelbahn in Vomp. Dort gibt es eine bewirtschaftete Alm, die leider zu hat, aber Bänke für eine dringend benötigte Rast bietet. Leider gibt es dafür keine Hinweisschilder mehr, die den Weg zur Karwendelrast weisen. Zwei Menschen gefragt, zwei unterschiedliche Antworten bekommen, die ich wegen zunehmender Erschöpfung wohl dann auch falsch verstanden haben. Was ich mitbekommen habe war, nächste Straße rechts, schmaler Fahrweg und „so wie du beinand bist weniger als a halbe Stund“. Ein gefühlter Kilometer weiter stand „40 Minuten“ auf dem Schild. Da gab es einen seltsamen Weg über den CO2 Ausstoß in Tirol, doch leider ohne Hinweisschilder. Ich bin halt der rot-weißen Baumbeschilderung nach und kam an einer Straße raus, die Hinweisschilder in viele Richtungen hatte. Auch die morgige Etappe war dabei ausgeschildert, aber leider nicht die Karwendelrast. Eine gerade wegfahrende Anwohnerin meinte dann, 100m unter ihrem Haus wäre ich am Ziel. Stimmt. Doch leider hing da ein Schild mit der Aufschrift „heute Ruhetag“. Ich hätte mich gerne hingelegt und losgeheult.
 
Um das Haus rum und geklingelt, in der Hoffnung, das irgend jemand mir sagen kann wo ich heute Nacht schlafen und etwas zu essen bekommen bzw. wie ich denn an den nächsten Bahnhof kommen kann. Eine gefühlte Ewigkeit nichts und niemand. Dann ein junger Mensch mit seinem Moutainbike, den ich als letzte Rettung anspreche. Es sei der Sohn der Besitzerin der Karwendelrast, aber seine Mutter müsse jetzt dringend nach Innsbruck. Er frägt sie nach einem Lager für mich. Wunder oh Wunder. Sie verschiebt ihren Termin um eine halbe Stunde, schließt mir das Lager auf, gibt mir eine Duschmarke, macht mir eine schnelle Pressknödelsuppe und stellt mir 3 Biere in die kalte Wanne. Gott, wie einfach kann das Leben sein. Ich bin für heute gerettet. Spontanität in dieser Gegend ist keine gute Idee.
© 2019 • Dr. Hans-Jürgen Hereth • Wertschätzung