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Wildern

Der Wilderer, die Wildererin? Gibt es die überhaupt?

Der Beginn der Wilderei geht einher mit der Einschränkung der freien Jagd durch Adel und Klerus. Hatte bis ca. 1000 n. Chr. jeder freie Bauer das Recht auf Jagd, so verlor er dieses mit der aufkommenden Leibeigenschaft und dem damit verbundenen Anspruch der Landherren auf alleinige Nutzung von Wald und Feld. Bis ins 18. Jahrhundert hinein kam es deswegen immer wieder zu Bauernaufständen, die z.T. brutal niedergeschlagen worden sind. Erst mit der Aufhebung der Leibeigenschaft (1781) und der Revolution 1848 wird der Bauer wieder frei. Seine wirtschaftliche Situation hat sich damit aber nicht wesentlich verbessert. So wird weiterhin, oft nur um das eigene Überleben zu sichern, Wild ohne Erlaubnis geschossen. Erwischen lassen durfte man sich bei dem „Wild- Diebstahl“ aber nicht. Es drohten drakonische Strafen bis hin zur Deportation. So wurden im Salzkammergut noch bis ins 17. Jahrhundert hinein Wilderer und Prostituierte ebenso protestantische Bauern, die sich weigerten den „alten“ Glauben wieder anzunehmen, nach Siebenbürgen zwangsumgesiedelt. Als alternative Strafe drohten Handabhacken, Gefängnis, bei Wiederholung auch die Galeere oder die Todesstrafe. Manche Forstaufseher wollten bis zu einer gerichtlichen Entscheidung nicht warten. Sie nahmen das Recht selbst in die Hand und erschossen die Wilderer oftmals dort, wo sie sie antrafen.
 
Eine besondere Bedeutung kam der Steinwildjagd (Steinbock, Gemsen) zu. Sie galt als Privileg, das nur besonderen Persönlichkeiten zugestanden wurde. Dieses Wild war wegen seines Lebensraums im Hochgebirge nur schwer zu jagen. Außerdem wurde dem Steinbock besondere Heilkraft nachgesagt. Zerriebenes Horn, Fell, Fleisch und sogar sein Blut fanden in der Natur- wie pharmazeutischen Heilkunde Verwendung. Aus diesem Grund erfuhr dieses Wild eine besondere Hege. Es zu erlegen bedurfte genauer Ortskenntnis, außergewöhnlicher körperlicher Physis und großen bergsteigerischen Fähigkeiten. So fußt die Alpenerschließung im 19. Jahrhundert oftmals auf Wegen, die Wild und Jäger/Wilderer über die Berge gegangen sind. Auch als Schmuggelpfade fanden diese Wege lange Zeit Verwendung.
 
Aus all diesen Gründen ist es nicht weiter verwunderlich, dass Wilderer in der ländlichen Bevölkerung einen durchaus positiven Ruf besaßen, ja zum Teil bewundert wurden. Man hatte Verständnis für die selbst herbeigeführte Linderung materieller Not, bewunderte den Mut und das körperliche Geschick der Wilderer und freute sich daran, der Obrigkeit ein Schnippchen geschlagen zu haben.
 
Den wohl berühmtesten deutschen Wildschützen, dem Bayerischen Hiasl , dem Georg (Girgl) Jennerwein, dem Leonhard Hörmannsdorfer, dem „Kneißl“, wurde zudem „Robin-Hood“- sche Bewunderung entgegen gebracht: von allen dreien ist kolportiert, dass sie von ihrer Beute den Armen abgaben. Auch ihr gewaltsames Tod trug zur Legendenbildung bei.
 
Der Wildschütz, zumal im Gebirge, wurde in der öffentlichen Wahrnehmung und der künstlerischen Ausschmückung vielfach zu einem Rebell oder Cowboy ohne Pferd stilisiert. Er trieb sich ohne äußere Zwänge frei im Gebirge herum, fürchtet niemanden und hatte zudem einen Schlag bei den Frauen. Sein weibliches Äquivalent war die Sennerin, die „frisch, fromm, frei“ auf der Alm ihre eigene Herrin war und mit ihren Liebesbezeugungen ebenso selbstbewußt und freizügig umging. So dichtete der Volksmund: „auf Almen kann man sorglos lieben, denn im Herbst wird abgetrieben“. Meist war der Wilderer der Begünstigte und der Jäger hatte das Nachsehen. Mittels bestimmter Jodelsequenzen oder Zeichen an den Hütten (Tücher, Bänder etc.) wurde dem Liebhaber mitgeteilt, ob er freie Bahn habe. So wurde Eifersucht neben dem Jagdeifer ein bestimmendes Motiv bei der Tätersuche der Jäger.
 
Zumindest die Vorstellung vom Leben einer Sennerin war stark idealisiert. Zumeist Städter hingen durch Bild und Textdarstellungen dieser Sicht nach. In Wirklichkeit war das Leben auf den Alm einsam und körperliche Schwerstarbeit von morgens bis abends.
 
Wurden die Vorstellungen vom „lustigen Landleben“ im 19. Jahrhundert durch die in großen Auflagen verkauften Bücher von Rosegger und Ganghofer tradiert, so trug im 20. Jahrhundert der Film sein Scherflein dazu bei. Blieb das Bild der Sennerin unangetastet,  wandelte sich das des Wilderer als freien Rebellen zusehends. Meist blieb er der Frauenheld, doch seine positive Besetzung hat er zugunsten des Jägers verloren. Er wurde zum Schurken, der die Frauen ausnutzte und sich nur um sein eigenes Fortkommen scherte. Erst mit den Verfilmungen in neuerer Zeit wie dem „Räuber Kneißl“ (2008) wurde dieses starre Bild aufgebrochen und mit Zwischentönen versehen.
 
„Der Wilderer“ ist männlich. Es gibt dazu keine grammatikalisch weibliche Form. So blieb auch die Tätigkeit des Wilderers, das Wildern, eine männlich besetzte Aufgabe. Um so seltener und erstaunlicher sind Frauen, die diese Tätigkeit ausüben. Die wohl berühmteste ist die Elisabeth Lackner, die „Floitenschlagstaude“ . Ihren Rufnamen erhielt sie aus dem Namen der von ihr bewohnten Hütte und ihrer äußerlichen Gestalt: die war eine große schlanke, außergewöhnlich schöne Frau, die einer Staude, einem hochgewachsenen Busch ähnelte. Sie wird als resolut, selbstbewußt und leidenschaftlich beschrieben. Durch die Bewirtschaftung ihres Hofes im Hochgebirge war die große körperliche Belastung gewohnt. Auch konnte sie sich mit traumwandlerischer Sicherheit in ihrer Ungebung bewegen.
 
Geboren wurde sie 1845 in ärmlichen Verhältnissen als Elisabeth Holaus auf dem Floitenschlag,

Floitenschlaghütte, Foto HJHereth, www.fluchtwege.eu
einer seit Mitte des 16. Jahrhunderts bewohnten, auf 1.436 m liegenden Hütte im Floitengrund, einem steilen felsigen Quertal des sich von Mayrhofen aus erstreckenden Zemmtales. Von Ginzling aus führt ein steiler einstündiger Aufstieg zu der Hütte, die ganzjährig bewirtschaftet war. Dieser Weg diente den Kindern auch als täglicher Schulweg. In den Wintermonaten war der oftmals lebensgefährlich. Staude heiratete 1870 den im Tal bei der Forstverwaltung und bei Bauern beschäftigten wesentlich älteren Josef Lackner. Mit ihm bekam sie 9 Kindern, von denen aber nur zwei Söhne das Erwachsenenalter erreichten.
 
Die Bewirtschaftung des sich in extremer Lager zwischen Felswänden befindlichen Besitzes erforderte enorme körperliche Anstrengung. Der Ertrag ernährte die Familie zumeist nicht. Mit dem Tod ihres Mannes 1888 verlor sie zudem ihre feste Einnahmequelle und mußte für ihre Familie selbst aufkommen. Besonders im Winter konnten sich so Notzeiten ergeben. Deshalb war sie sich auch zum Betteln um Lebensmitteln im Dorf nicht zu schade. Eine andere Möglichkeit etwas zwischen die Zähne zu bekommen war die Wilderei, zumal die Gemsen manchmal fast zum Greifen nahe an die Hütte kamen. Der Spagat zwischen Wildfrevel und dem Beseitigen von Wildschädlingen, deren Verbiß der Schadensregulierung des örtlichen Jagdherren anheim viel, war manchmal mehr als gering. Nicht nur einmal konnte sie sich vor Gericht mit dieser Geschichte herausreden. Neben dem Freispruch erhielt sie zudem auch noch über Jahre hinweg Schadensregulierung, die einen nicht unwesentlichen Beitrag ihrer Einnahmequellen darstellte. Man munkelte, daß sie deshalb so gnädig behandelt wurde, weil ein fürstlicher Jagdgast ihrer Schönheit verfiel und sie schwängerte. Doch diese Geschichte förderte nur ihre Mystifizierung als Wildschützin.
 
Der Floitenschlag hat einen lange Konflikt-Tradition hinsichtlich der Wilderei. Schon Ende des 17. Jahrhunderts kam es zwischen Jägern des Erzbischofs von Salzburg und Einheimischen zu gewalttätige Streitigkeiten, den sog. „Steinbock-Kriegen". Zur Überwachung und Verteidigung des Steinwilds wurden daher im unzugänglichen Terrains wie auf dem Floitenschlag sog „Heger" angesiedelt. Der Bezirk Mayrhofen bzw. das Zemm- und Zillertal lagen unter der Verwaltung des Forstbischofs von Salzburg. Nach der Säkularisation gelangte er 1805 in den Besitz des Kaisers von Österreich. Von 1862 bis 1932 war der Jagdbezirk von dem Fürsten von Auersperg gepachtet. Die Zillertaljagd war europaweit wegen seiner Geschlossenheit und seiner landschaftlichen Reize als Steinwildrevier geschätzt. Fürst von Auersperg brachte mit seinen vielen Jagdgästen zumindest im Sommer auch Geld und Arbeit ins Land.
 
Die Bauern wurden für die Treibjagden als Jagdhelfer angestellt, vermieteten die Pferde als Lasttiere zur Gepäckbeförderung und boten sich selbst als Lastenträger an. Auch der im 19. Jahrhundert beginnende Bergtourismus erschloß ihnen neue Einnahmequellen. Sie vermieteten Quartier oder boten sich als Bergführer an. Mineraliensammler und Bergsteiger erschlossen bis dahin unbekannte Wege in die Berge. Dies führte zu einem neuen Konfliktherd. Bisher galt die Jägerregel „wer sich von Wegen entfernt und frei im Gelände herumstreift, ist ein potentieller Wilderer. Auf ihn wird ohne Vorwarnung geschossen“, so konnte man diese Auffassung zumindest bei den Touristen nicht so einfach aufrechterhalten. Aus diesen Vorbehalten heraus blieben viele alpine Jagdreviere lange Zeit von der touristischen Erschließung verschont. Erst eine wachsende alpine Begeisterung ermöglichte den Ausbau von Wegen und Hütten im alpinen Raum.
 
Die Staude war von diesen Entwicklungen ausgeschlossen. Sie wilderte um des nackten Überlebens willen. Wildern, so ihre Argumentation vor dem Richter, als sie doch einmal auf frischer Tat erwischt und angeklagt wurde, sei für sie verzweifelte Notwehr gegen das Elend. Ohne Wildern müßte sie verhungern. Der Richter sah dies erstaunlicherweise ein und sprach sie frei. Nicht immer hatte sie dieses Glück.
 
Wildern war für sich nicht nur eine existenzielle Notwendigkeit, sondern wurde ihr nahezu von „höheren Kräften“ befohlen. Immer zu Vollmond ging der Jagdtrieb mit ihr durch. Da vergaß sie ihre Vorsicht und wurde oftmals übermütig. Den ansässigen Wildhütern Holzer Andrä und Huber Andrä war dies bekannt und sie suchten in dieser Zeit ihre Chance. Auch deren gekränkte Eitelkeit wollte gestillt werden. Hatte ihnen die Staude doch als Wette angeboten ein Stück gewildertes Fleisch unter ihren Augen ins Dorf zu befördern und es dort zu verkaufen, ohne das die Förster dies mitbekamen. Als Wetteinsatz diente ihr der Erhalt des Fleisches und Straffreiheit. Als sie eines Tages mit einer schweren Kraxe voll Käse ins Dorf absteigen wollte, erbot ihr einer der Förster die Hilfe beim Tragen an. Beim Kramer jedoch entglitt ihm das Gesicht, lag doch die gewilderte Gams unter dem Käse. Die Wette galt und er mußte sich öffentlich bloßgestellt zurückziehen. Diese Erniedrigung galt es heimzuzahlen. Der Vollmond kam, sie lauerten der Staude auf und konnten sie beim Austausch der Felle beobachten. Das gewilderte Fleisch fanden sie jedoch nicht. Dennoch wurde sie zu 6 Monaten schweren Kerker mit einem monatlichen Fastentag verurteilt. Ihrer „schönen Augen“ wegen sagt man, wurde sie zwei Monate früher entlassen.
 
Im „sportlichen Wettstreit“ mit den Jägern gelang ihr auch ein anderes Meisterstück. Auf einer sich den Treibjagden anschließenden Trophäenausstellung konnte Staude ihre von einem Mittelsmann eingereichten „Kricklang“ als die schönsten vorweisen. Einige Jagdgäste wollten sie sogar käuflich erwerben. Doch ließ dies ihr Besitzerstolz nicht zu.
 
Im Alter und allein konnte die Staude den Floitenschlag nicht mehr unterhalten. 1912 verkaufte sie den Hof und zog „Im Astl“ einen abgelegenen Hof außerhalb von Dornauberg. 1921 verstarb sie dort unter ärmlichsten Umständen.
© 2017 • Dr. Hans-Jürgen Hereth • Wertschätzung