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Wildern
bairischen Hiasl

Was verbindet den „bairischen Hiasl“ mit Bismarck? Ihr Hund Tyras

„Mattheus Klostermair“ wurde am 3. September 1736 als Sohn eines Schweinehirten in einem Söldnerhaus in Kissing  geboren. Seit seinem 12. Lebensjahr musste er auf dem nahen Schloßgut Mergenthau arbeiten, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Den jugendlichen Klostermayer beschäftigten anschließend die Jesuiten ungefähr zweieinhalb Jahre als Jagdgehilfen und Aufseher. Der „Brentanhiasl“ verlor diese einträgliche Anstellung, weil er einen Pater wegen dessen „Schießkünsten“ verspottete. Daraufhin verdingte er sich als Knecht und begann am dortigen Hof ein Verhältnis mit der einzigen Tochter des Bauern. Im Alter von 25 Jahren wurde er auch von dort vertrieben. Ab diesen Zeitpunkt schlug er sich als Wilderer im bayrisch-schwäbischen Grenzgebiet durch. Da er bei der ansässigen Bevölkerung sehr beliebt war, sollte er als Rekrut ausgehoben werden, damit „ das ein Ruh’ werd zu Kissing“. Klostermayr entzog sich seiner Rekrutierung jedoch durch die Flucht über den Lech ins „Ausländische“ (Schwäbische).
 
Hier erst erhielt der bayerische „Ausländer“ seinen Spitznamen „Bairischer Hiasl“. Die ausgedehnten Forste auf der linken Lechseite boten dem Wilderer reiche Jagdgründe. Auch  schätzten die Bauern seine Mithilfe bei der Dezimierung des Wildbestandes, der beträchtlichen Schaden auf ihren Feldern anrichtete.
 
Trotz der örtlichen Unterstützung wurde Klostermayr verhaftet und zu einem Dreiviertel Jahr Zuchthaus in München verurteilt. Nach Beendigung seiner Haftstrafe nahm er sein bisheriges freies Leben weiter auf. Der charismatische Kissinger wurde jetzt zum Anführer verschiedener Wilderer- und Räuberbanden, die Teile ihrer Jagdbeute angeblich an die Armen abgaben. Aus diesem Grunde wurde der „Hiasl“ rasch zum Volkshelden, der von der Bevölkerung oftmals versorgt und vor Nachstellungen durch die Obrigkeit gewarnt wurde. Sogar auf Kupferstichen wurde er zu Lebzeiten verewigt. Die bekannteste dieser Darstellungen zeigt „Mathias Clostermayr“ in selbstbewusster Haltung zusammen mit seinem „Jung“ und dem „grossen Hund“ Tyras von der Putzmühle bei Steindorf. Eine Version dieses Stiches zierte auch den Frontispiz des kurz nach seiner Hinrichtung erschienenen Büchleins vom „Leben und Ende des berüchtigten Anführers einer Wildschützenbande…“ (1772).
 
Insgesamt wurden dem „Hiasl“ und seinen Gefährten bei seiner Verurteilung über 50 Delikte vorgeworfen, darunter zwölf gewaltsame Überfälle, acht Landfriedensbrüche und neun Totschläge. Beliebte Opfer waren Jäger und Amtsträger, denen sie Waffen und Leben nahmen. Den Gerichtsprotokollen zufolge scheinen sie nicht besonders zimperlich mit ihren Widersachern umgegangen zu sein. Manchen Amtmann oder Jäger hatten sie eigenhändig mit dem Gewehrkolben misshandelt, gequält und gedemütigt. Klostermaier war bei seinen Überfällen so keck, dass er stets unmaskiert auftrat. Im Volksglauben galt er gar als „kugelfest“, vielleicht sogar mit dem Teufel im Bunde. Klostermayr scheint diese Legenden um seine Person regelrecht genossen und unterstützt zu haben
 
Die Banden – um sie sich herum ein regelrechtes Netzwerk von Hehlern und Teilhabern bildete - konnten sich mehrere Jahre weitgehend ungestört im schwäbisch-bayerischen Grenzland halten, das wie ein „Fleckerlteppich“ in zahlreiche kleine Herrschaftsgebiete zerrissen war. Bei Gefahr wechselten sie einfach über eine der zahlreichen Grenzen in ein anderes Territorium und entzogen sich so ihrer Verfolgung. Wesentlich gefährlicher war der Aufenthalt im kurfürstlich bayerischen Gebiet, wo die Verfolger der Bande über große Entfernungen nachsetzen konnten. Aus diesem Grund waren die Freischützen nahezu ausschließlich auf der westlichen Lechseite unterwegs.
 
Die Verhaftung der Hiaslbande wurde durch ein Abkommen der Fürsten und Stände des Schwäbischen Kreises zur Eindämmung des Wildererunwesens vom 22. Juni 1769 vorbereitet. Die Grundherren vereinbarten darin gegenseitige Amtshilfe. Im Dezember 1770 begannen in Dillingen die Vorbereitungen zu einer militärischen Expedition gegen den „Hiasl“ und seine Männer. Am 14. Januar 1771 wurde die Bande im Osterzeller Wirtshaus in die Falle gelockt. Der Fürstbischöflich-Augsburgische Premier-Lieutenant Schedel ließ das Gasthaus von etwa 300 Soldaten umstellen. Vorher war das Pulver der Wilderer durchfeuchtet worden. Trotzdem gelang es erst nach vier Stunden, die Freischützen auszuräuchern und gefangen zu nehmen.
 
Nach einem mehrmonatigen Prozess in Dillingen wurde der „Bayrische Hiasl“ zum Tode verurteilt und am 6. September 1771 an der Donaubrücke der Stadt auf bestialische Weise zur Abschreckung der Bevölkerung hingerichtet. Zuerst wurde Klostermayr mit einem Strick erdrosselt, dann der Körper auf einer „Radbrechmaschine“ zertrümmert. Schließlich schlug man ihm den Kopf ab und vierteilte seinen Körper. Den Kopf steckte man an den Dillinger Galgen, die restlichen Körperteile wurden in Dillingen an der Donau, Füssen, Schwabmünchen und Oberstdorf öffentlich ausgestellt.
 
Noch am gleichen Tag richtete man zwei Mitglieder der Bande durch das Schwert. Andreas Mayr, der mitangeklagte jugendliche Diener und Gefährte („Jung“) des „Hiasl“, konnte aus dem Gefängnis fliehen und sich über die Alpen in Sicherheit bringen. Mit ihm sollen vier weitere Mitglieder der Bande entkommen sein.
 
Das einfache Volk betrauerte den Volkshelden bereits kurz danach in zahlreichen Volksliedern und Theaterstücken. Bereits 1763 entstand das wohl bekannteste „Hiasl-Lied“, das noch heute gesungen wird:
 
Ich bin der bayrisch Hiesel
Kei’ Kugel geht mir ein.
Drum fürcht ich auch kein’ Jäger,
Sollt’s gleich der Teufel sein.

Im Wald drauß ist mei’ Heimat,
Im Wald drauß ist’s a Leb’n,
Da schieß ich Reh’ und Hirsche
Und Wildschwein auch daneb’n.
 


Hiasl Gasthof in St. Leonhard, Bildrechte HJHereth, www.fluchtwege.eu
Der „Hiasl“ ist noch heute das Vorbild vieler Wilderer und sonstiger Freigeister. In der Zeit der Aufklärung war er ein beliebtes Symbol des Widerstandes gegen die absolutistische  Anmaßung von Adel und Klerus. Nicht umsonst sieht man in ihm das Vorbild zu Friedrich Schillers Karl Moor in „Die Räuber“. „Hiasl“ wurde zu einer bajuwarischen Heldengestalt, deren Andenken noch heute eifrig gehuldigt wird. Viele Wirtshäuser sind nach ihm benannt, Traditionsvereine halten sein Andenken in Ehren.
 
2006 wurde auf Gut Mergenthau bei Kissing die „Hiasl-Erlebniswelt“ eröffnet, die das Leben des Wildschützen und Räuberhauptmannes thematisiert. Neben verschiedenen ausgestellten Originalstücken wird das Leben Klostermayrs in einigen Dioramen und Schaubildern dargestellt.
© 2017 • Dr. Hans-Jürgen Hereth • Wertschätzung