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Julius von Payer
Augenblick des Glücks

Julius Payer: Der Augenblick des Glücks


Der Mensch ist ein Käfer, ein ganz kleiner, elender Käfer; und wenn er mächtig ist, sehr mächtig, dann ist er ein Käfer mit lackierten Flügeln.
1859 verließ ich die Wiener Neustädter Militär-Akademie und wurde mit 17 Jahren Leutnant, eine Charge, die für mich den Vorteil hatte, daß ich sie 15 Jahre lang, also nie mehr, zu verlassen brauchte. 36 Gulden Monatsgae – ein ganz kleiner Käfer!
Mehr zu erzielen gab es nur 2 Wege; das Wagnis und das Glück. Ans Wagnis gin ich selbst, das Glück kam zu mir: der Augenblick des Glücks erschien, der im Leben vielleicht nur eonmal vorkommt, und der erfasst werden muss. Sonst...!
1861 stand ich in Verona. Beim Exerzieren sah ich die Monti Lessini vor mir. Ich sah immer hinauf, die Berge machten mich verrückt.
Ich begann zu sparen, um die Berge zu durchforschen: die Monti Lessini, den Glockner, dann den Adamello (Die Adamello-Presanella-Alpen, Ergänzungsheft Nr. 17 von Petermanns geographischen Mitteilungen). Die Karten waren falsch, bessere zu machen, das war ein schönes Ziel für einen so geringen Käfer.
1864 hatte ich sogar 120 Gulden gespart, sie reichten für eine beschwerdenreiche Durchwanderung und Neuaufnahme des Adamello. Dann wollte ich von Pizolo aus über Tione, Trient heim nach Venedig. meinem neuen Garnisonsort; denn mein urlaub war zu Ende.
In Tione stieß ich auf Major M., der früher bei meinem Regiment gedient und mit dem ich nie auf einem Fuß gestanden hatte. Doch der Major, jetzt hier in Garnison, lud mich ein, sein Gast zu sein und bei ihm zu übernachten. Das war sehr schön von M.; man sieht das Glück und gab sich Mühe, sich mir zu nähern.
Der Abend verlief unter Gesprächen, die sich für einen Major schicken, der sich in Gesellschaft eines Leutnants befindet; - eines schüchternen Leutnants! Oh diese Schüchternheit! Sie kommt davon her, wenn man andere zu sehr achtet! Der Major hatte jetzt einen blauen Kragen, früher einen roten, wie ich selbst. Doch im Augenblick hatte ich gar keinen Kragen, ich trug ein Jägergewand, vom Gebirge her, von den Nachtlagern im elenden Baito Mandron völlig angewetzt.
Ich sagte dem Major Adieu, früh wollte ich mit dem biederen Stellwagen nach Trient, zur Bahn. Neben Bauern saß ich schon im Wagen, da kam der Major nochmals eilig herbei und reichte mir ein Fäßchen hinauf: „Mit Forellen für S. Exzellenz den General von Kuhn in Trient“ Ich möge die Güte haben, sie abzugeben. Als ich nun das Fäßchen ergriff, da hatte ich, freilich ohne es zu wissen, das Glück in der Hand!  In Cumano, halbwegs, gab ich dem Glück, d.h. den Fischen frisches wasser, und nachmittags stand ich in Trient vor Kuhn, den ich zuvor nie gesehen. Ich fand den General auf den Gang, er in Hemdärmeln, ich in der angenutzten Kleidung à la chasseur. Ich hielt ihm die Fische vor und mich selbst. Das Gespräch, welches nun folgte, war nicht ein solches, wie es sich für einen General schickt, der mit einem Leutnant spricht, sondern es war geradezu revolutionär!
Was machen Sie hier?
Ich reise nach Venedig und komme vom Adamellogebirge.
Was haben Sie dort gemacht?
Eine neue Karte.
Waaaas? Eine neue Karte? Wo ist sie?
Ich eilte ins Hotel zurück, und eine Stunde darauf stand ich wieder vor Kuhn, mit der Karte. Der General hatte jetzt einen goldenen Kragen; ich war immer noch à la chasseur gekleidet, leider auch mit lärmenden Bergschuhen, deren Nägel in den Parkettboden eingriffen. Da gabs kein Ausgleiten!
Das haben Sie gemacht? Aus eigenen Mittel?
Ja Exzellenz!
Sind sie so reich?
O nein, ich lebe von der Gage.
Wie ist das möglich?
Ich spare, ich esse nur Brot.
Da bewundere ich Sie und bemitleide Sie. Freilich, bei uns hat man für die wissenschaft kein Geld.
Kuhn war ein genialer, hochgebildeter General, der explosiv sein konnte wie ein Vulkan, edel und treu wie Gold, und unumwunden wie ein Kind. Er legte seine Hände auf meine Schultern und rief:
„Wäre ich Kriegsminister, dann hätten Sie ihre Arbeiten auf Kosten des Staates fortzusetzen und nicht mehr zu darben.“
Kurz darauf war Kuhn Kriegsminister!
Er rief mich vom Regimente fort, gab mir drei Tyrolerjäger, 1000 Gulden und einen Theodolit. Ich ging nach dem ortler und nach dem Adamello zurück und machte eine neue Karte, eine bessere als früher
Mit demselben Theodolit habe ich nachher NO-Grönland aufgenommen und das Franz-Joseph-Land. Er blieb auf dem Tegethoff zurück und versank mit dem Schiff.
Kuhn aber bleib mein Freund und Gönner bis zu seinem Tode. Ihm habe ich es zu danken, daß ich mich von den Alpen weg zu größeren Zielen wenden konnte, zur Polarforschung.
Jetzt aber hat jeder Sessel  meiner Wohnung drei große ilbergestickte Forellen. Sie erinnern mich täglich an den General Kuhn und an den Augenblick des Glücks. Denn ohne diese Forellen würde ich heute noch exerzieren, wie damals in Verona, angesichts der Monti Lessini, ein armer kleiner Käfer!
Wien, März 1909
Julius von Payer
 
Julius von Payer: Erinnerungen, in: Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Nr. 1-2, 1916
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