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Robert Louis Stevenson
Reise mit dem Esel

Robert Louis Stevenson: Reise mit dem Esel durch die Cevennen

Im Tal des Tarn
Eine neue Straße führt von Pont-de-Montvert nach Florac durch das Tal des Tarn. Als glattes, sandiges Gesims verläuft sie etwa auf halber Höhe zwischen dem Gebirgskamm und dem Fluß im Talgrund. Ihr entlang marschierte ich einwärts und auswärts, hinein in beschattete Buchten und hinaus auf Vorsprünge in der Nachmittags sonne. Dies war eine Passage wie die von Killiecrankie, eine tiefe, gewundene Kluft mit dem Tarn, der weit unten wundervoll heiser lärmte, und den Felsenspitzen, die sich hoch oben sonnten. Eine schmale Borte von Eschen zog sich wie Efeu an einer Ruine um die Hügelkuppen, aber an den niedrigeren Hängen und weit hinauf in jeder Klamm reckten sich die vierschrötigen Edelkastanienbäume unter ihrem Laubzelt gen Himmel. Manche waren auf ihrer eigenen Terrasse, kaum größer als ein Bett gepflanzt. Andere vertrauten auf ihre Wurzeln und holten sich die Kraft zu wachsen und zu gedeihen auf den steilen Berglehnen. Wo am Flußufer Platz war, standen andere in Reih und Glied, gerade und mächtig wie die Zedern des Libanon. Und selbst dort, wo sie am dichtesten wuchsen, wirkten sie nicht als Gehölz, sondern als eine Herde von stämmigen Einzelwesen, denn die Krone eines jeden Baumes profilierte sich in ihrer ganzen Mächtigkeit getrennt von den Kronen der Nachbarn, als wäre sie ein kleiner Hügel. Sie verbreiteten ein süßliches Parfüm, das die Nachmittagsluft tränkte. Der Herbst hatte goldene Töne und dunkle Flecken auf das Grün getupft, und die Sonne durchleuchtete und entflammte das Laubwerk so, daß jede Kastanie sich von der anderen nicht in den Schatten, sondern in den Lichtern abhob. Ein zerknirschter Zeichner ließ hier entmutigt seinen Stift sinken.
Ich wünschte, ich könnte vom Wuchs dieser noblen Bäume einen Eindruck vermitteln, davon, wie sie gleich der Eiche ihre Äste weit ausladend strecken und wie sie gleich der Weide ihre Zweige mit hän­genden Blättern schleifen lassen; wie sie auf geraden, gerieften Säulen stehen gleich den Pfeilern einer Kirche, wie sie gleich der Olive aus dem morschesten Stamm schlanke, junge Sprößlinge treiben und ein neues Leben auf den Trümmern des alten beginnen können. So haben sie von der Eigenart vieler verschiedener Bäume etwas abbekommen . Aus der Nähe gegen den Himmel gesehen, erinnern ihre struppigen Mähnen sogar an Palmen, was die Phantasie spielen läßt. Wenn sie auch aus so vielen Elementen besteht, ist ihre Individualität doch um so reicher und origineller. Auf einen Fleck voll dieser Laubkuppeln hinunterzublicken oder eine Horde alter, unverwüstlicher Kastanienbäume zu sehen, wie sie sich gleich einer Elefantenherde auf einem Bergvorsprung drängelt, bedeutet, sich zu höherem Flug der Gedanken über die Mächte der Natur zu erheben.
Mit Modestines Trödelei und angesichts der Schönheit der Szenerie kamen wir an diesem ganzen Nachmittag nur wenig voran. Als ich schließlich feststellte, daß die Sonne, obwohl noch weit vor Untergang, sich schon aus dem engen Tal des Tarn zurückzuziehen begann, sah ich mich allmählich nach einem Platz zum Kampieren um. Einen solchen zu finden, war gar nicht einfach. Die Terrassen waren zu schmal, und wo keine waren, neigte sich der Boden meist zu stark, als daß ein Mensch darauf hätte liegen können. Ich wäre die ganze Nacht gerutscht und morgens mit den Füßen oder dem Kopf im Fluß aufgewacht.
Nach vielleicht einer Meile sah ich etwa 60 Fuß oberhalb der Straße eine kleine platte Stelle, groß genug, um meinen Schlafsack unterzubringen, und abgesichert durch den Stamm einer riesigen alten Kastanie. Mit unendlicher Mühe stachelte und trat ich die widerstrebende Modestine bis dorthin und machte mich sofort daran, sie abzuladen. Auf dieser Platte war nur Platz für mich selbst, und ich mußte fast noch einmal so hoch steigen, ehe ich für die Eselin auch nur einen Stehplatz fand. Ein Haufen Geröll auf einer angelegten Terrasse, die kaum fünf Fuß im Quadrat maß, mußte dafür herhalten. Hier band ich sie an eine Kastanie, gab ihr Korn und Brot und schüttete ihr einen , Haufen Kastanienblätter auf, die ihr offensichtlich gut schmeckten. Sodann stieg ich wieder zu meinem eigenen Lagerplatz ab.
Der Platz lag unbehaglich exponiert. Zwei oder drei Karren fuhren auf der Straße vorbei. So lange es hell war, versteckte ich mich vor aller Welt wie ein gehetzter Camisarde hinter meiner Palisade des dicken Kastanienstammes, denn ich fürchtete mich wirklich vor Entdeckung und vor dem nächtlichen Besuch von Spaßvögeln. Außerdem war mir klar, daß ich früh auf den Beinen sein mußte, denn diese Kastanienplantagen waren noch am Vortage der Schauplatz emsiger Tätigkeit gewesen. Der Hang war besät mit gekappten Zweigen, und hier und da stand ein großes Laubbündel an einen Stamm gelehnt, denn sogar die Blätter sind brauchbar, und die Bauern benutzen sie im Winter als Futter für ihre Tiere. Unter Zittern und Bangen aß ich hastig in halb Hegender Stellung, um von der Straße her nicht gesehen zu werden, und ich war offengestanden so nervös, als wäre ich ein Späher von Jouanys Bande oben auf dem Mont Lozerc oder von Salomon auf dem anderen Ufer des Tarn in den alten Zeiten des Psalmsingens und Blutvergießens. Vielleicht sogar noch mehr, denn die Camisarden besaßen eine unerschütterliche Zuversicht in Gott. Das erinnert mich an die Anekdote, wie der Graf von Gevaudan mit einer Abteilung Dragoner und einem Notar an seinem Sattelbogen ausritt, um den Treueeid in allen Weilern des Landes zu erzwingen; wie er in ein waldiges Tal kam und wie er Cavalier und seine Leute fröhlich im Grase beim Es­sen sitzend antraf mit Buchsbaumgebinden an ihren Hüten, während fünfzehn Frauen ihre Wäsche im Bach wuschen. So machte man Picknick im Jahre 1703. Zu jener Zeit hätte Antoine Watteau ähnliche Szenen gemalt.
Dies war ein ganz anderes Lager als das der vergangenen Nacht im kühlen und stillen Kiefernwald. Es war warm und sogar stickig irn Tal. Der schrille Froschgesang, ähnlich dem tremulierenden Ton einer Trillerpfeife mit einer Erbse darin, drang von der Flußniederung herauf, bevor die Sonne untergegangen war. Mit zunehmender Dämmerung begann leises Rascheln in den gefallenen Blättern hin und herzulaufen. Von Zeit zu Zeit konnte ich ein schwaches Piepsen hören, und es kam mir vor, als bewegte sich etwas schnell und vage unter den Kastanien. Eine Unmenge großer Ameisen wimmelte auf dem Boden, Fledermäuse huschten vorbei und Mücken surrten über mir. Die langen Zweige mit ihren Laubbüscheln zeichneten sich gegen den Himmel wie Girlanden ab und diejenigen unmittelbar über mir oder um mich herum wirkten wie ein Spalier, das von einem Windstoß zersplittert und fast umgeworfen worden wäre.
Der Schlaf mied meine Lider für lange Zeit, und gerade als ich das Gefühl bekam, daß sich Ruhe über meine Glieder stehlen und sich auf meine Sinne senken wollte, ließ mich ein Geräusch neben meinem Kopf wieder hellwach werden und - ich will es offen gestehen - schnürte mir die Kehle zu. Es war ein Geräusch, wie es jemand macht, der vernehmlich mit dem Fingernagel kratzt. Es kam von der Unterseite des Rucksacks, der mir als Kopfkissen diente, und wiederholte sich dreimal, ehe ich mich aufsetzen und umdrehen konnte. Nichts war zu sehen, nichts zu hören außer diesem merkwürdigen Geraschel fern und nah und der pausenlosen Begleitmusik von Fluß und Fröschen. Am nächsten Tag erfuhr ich, daß die Kastaniengärten von Ratten heimgesucht sind. Rascheln, Piepsen und Kratzen stammten vermutlich allesamt von ihnen. Im Augenblick war das Rätsel jedoch unlösbar, und ich mußte mich, so gut es ging, in verdutzter Unsicherheit über meine Bettgenossen zum Schlafe sammeln.
 
Im Morgengrauen (Montag, 30. September) wurde ich durch Schritte auf den Steinen in meiner Nähe aufgeweckt, und als ich die Augen öffnete, gewahrte ich einen Bauern, der unter den Kastanien auf einem Fußweg vorbei kam, den ich bis dahin nicht bemerkt hatte. Er drehte den Kopf weder nach links noch nach rechts und verschwand mit wenigen Schritten im Unterholz. Ich war noch einmal davongekommen. Offenbar war es höchste Zeit zum Aufbruch. Das Landvolk war auf den Beinen, was mir in meiner prekären Lage kaum weniger unheimlich war als einem verwegenen Camisarden die Soldateska des Kapitän Poul. Ich fütterte Modestine in größter Hast. Als ich jedoch zu meinem Sack zurückging, sah ich einen Mann und einen Jungen den Hang in einer Richtung herabkommen, welche meinen Weg kreuzte. Ihren Zuruf konnte ich nicht verstehen, und ich beantwortete ihn mit unartikulierten, aber munteren Lauten. Ich beeilte mich, meine Gamaschen anzulegen.
Das Paar, anscheinend Vater und Sohn, stieg langsam auf das Plateau herauf und stand eine Weile schweigend neben mir. Das Bett war ungemacht, und ich sah erschrocken meinen Revolver auf der blauen Wolle, allen Blicken preisgegeben. Nachdem sie mich von oben bis unten gemustert hatten, und als das Schweigen langsam zum Lachen peinlich geworden war, fragte der Mann in einem Ton, der nicht gerade freundlich klang:
»Sie haben hier geschlafen?«
»Ja«, sagte ich, »wie Sie sehen.«
»Warum?« fragte er.
»Was für eine Frage«, antwortete ich leichthin. »Ich war eben müde.« Als nächstes begehrte er zu wissen, wo ich hinwollte und was ich zum Mittagbrot gegessen hatte. Ohne Überleitung sagte er: »C'est bien« und fügte hinzu: »Komm.« Ohne ein weiteres Wort wandten er und sein Sohn sich von mir ab und gingen zur übernächsten Kastanie, die sie zu stutzen begannen. Die Sache hatte sich einfacher erledigt, als ich zu hoffen gewagt hatte. Er war ein gesetzter, respektabler Mann, und sein unfreundlicher Ton sollte keineswegs bedeuten, daß er mich für einen Verbrecher hielt, sondern nur, daß er es mit jemandem zu tun habe, der auf einer tieferen Stufe steht.
Ich war bald auf der Straße, knabberte ein Stück Schokolade und beschäftigte mich ernsthaft mit einer Gewissensfrage. Sollte ich für mein Nachtquartier bezahlen? Ich hatte schlecht geschlafen, das Bett wimmelte von Flöhen in Gestalt von. Ameisen, es gab kein Wasser im Zimmer und das Morgengrauen hatte versäumt, mich zu wecken. Ich hätte einen Zug verpassen können, wenn in der Nähe einer gewesen wäre, den ich hätte erreichen müssen. Ohne Zweifel war ich mit meiner Unterbringung nicht zufrieden, und ich beschloß, nicht zu zahlen, es sei denn ich träfe einen Bettler.
Am Morgen sah das Tal noch schöner aus. Bald senkte sich die Straße auf die Höhe des Flusses hinab. Hier, an einer Stelle, wo viele gerade und prächtige Kastanienbäume standen und eine Insel auf einer grasbewachsenen Terrasse bildeten, machte ich meine Morgentoilette in den Wassern des Tarn. Sie waren wundervoll klar und schauerlich kalt. Der Seifenschaum verschwand wie durch Zauber in der schnellen Strömung, und die weißen Felsblöcke gaben ein Muster von Sauberkeit ab. Sich in einem von Gottes Flüssen im Freien zu waschen, erscheint mir als eine Art von froher Feier oder als ein halbheidnischer Gottesdienst. Mit Schüsseln in einem Schlafzimmer zu hantieren, mag den Körper säubern, aber die Phantasie nimmt an einer solchen Reinigungsprozedur nicht teil. Als ich mich wieder auf den Weg machte, tat ich es leichten und friedvollen Herzens und sang dem geistigen Ohr Psalmen, während ich dahinschritt.
Plötzlich kam eine alte Frau daher, die unverblümt um ein Almosen bat.
»Sieh an«, dachte ich. »Hier kommt der Kellner mit der Rechnung.«
Und ich bezahlte auf der Stelle tu r meine Übernachtung. Man mag darüber denken, was man will, aber dies war der erste und letzte Bettler, den ich auf der gesamten Tour traf
Ein Stückchen weiter wurde ich von einem alten, helläugigen, wettergebräunten Mann mit einer braunen Nachtmütze und dem Anfing eines nervösen Lächelns eingeholt. Ihm folgte ein kleines Mädchen, das zwei Schafe und eine Ziege vor sich her trieb, aber es hielt sich hinter uns, während der alte Mann neben mir ging und über das schöne Wetter und das Tal plauderte. Es war kurz nach sechs, und für gesunde Menschen, die genug geschlafen haben, ist es eine Stunde der Mitteilsamkeit und des offenen und vertrauensvollen Gesprächs.
»Connaissez-vous Seigneur?« sagte er schließlich.
Ich fragte ihn, welchen Seigneur er meine, aber er wiederholte nur seine Frage mit größerem Nachdruck und einer Miene, die Hoffnung und Interesse bekundete.
»Ah«, sagte ich und deutete gen Himmel. »Ich verstehe Sie jetzt. Ja ich kenne ihn. Er ist mein bester Bekannter.«
Der alte Mann sagte, er sei hocherfreut. »Wissen Sie«, fügte er hinzu und schlug sich an die Brust, »es macht mich glücklich hier drin.« In diesen Tälern gebe es einige, die den Herrn kennen, fuhr er fort, nicht viele, aber einige. »Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt«, zitierte er.
»Mein Vater«, sagte ich, »es ist nicht leicht zu sagen, wer den Herrn kennt, und es geht uns nichts an. Protestanten und Katholiken und selbst Steinanbeter mögen den Herrn kennen und von ihm gekannt werden, denn er hat alle geschaffen.«
Ich hatte gar nicht gewußt, daß ich so ein guter Prediger war. . Der alte Mann versicherte mir, er denke genau wie ich, und wiederholte, er habe sich sehr über die Begegnung gefreut. »Wir sind so wenige«, sagte er. »Hier nennen sie uns Mährische Brüder, aber unten im Departement Gard, wo es auch eine ganze Anzahl gibt, nennt man sie Darbisten nach einem englischen Pastor.«
Es dämmerte mir, daß ich, irgendwie etwas fragwürdig, in die Rolle des Mitglieds einer mir unbekannten Sekte geglitten war, aber ich freute mich eher an der Freude meines Weggenossen, als daß ich mich durch meine eigene zwielichtige Position verwirren ließ. Mir kommt es wirklich nicht als unredlich vor, wenn man eine abweichende Meinung nicht offen ausspricht, zumal in diesen transzendenten Dingen, wo wir alle ziemlich sicher sind, daß wir selbst, wer auch immer im Unrecht sein mag, nicht voll und ganz recht haben. Man redet viel über die Wahrheit, aber dieser alte Mann in der braunen Nachtmütze erwies sich als so naiv, sanft und brüderlich, daß ich gar nicht abgeneigt bin, mich als seinen Bekehrten zu bekennen. Tatsächlich war er ein Plymouthbruder, aber was dies hinsichtlich der Doktrin besagt, habe ich weder eine Ahnung noch die Zeit, mich damit zu befassen. Was ich allerdings wohl weiß, ist, daß wir alle auf einer Welt voller Ungemach als Kinder eines einzigen Vaters dahintreiben und bestrebt sind, in vielen wesentlichen Punkten gleich zu handeln und gleich zu sein. Und obzwar es quasi auf einem Mißverständnis beruhte, daß er mir so oft die .Hand schüttelte und so bereitwillig meinen Worten lauschte, so war es ein Mißverständnis, wie es zur Wahrheitsfindung gehört. Denn Nächstenliebe beginnt mit verbundenen Augen und erhebt sich erst nach einer Reihe ähnlicher Irrtümer schließlich zu einem fundierten Prinzip von Liebe und Geduld und zu einem festen Glauben an alle unsere Mitmenschen. Wenn ich diesen guten alten Mann hintergangen habe, so würde ich künftig bedenkenlos auch andere in gleicher Weise hintergehen. Und sollten wir alle am Ende je auf unseren getrennten und mühseli­gen Wegen in einer gemeinsamen Heimstatt zusammenkommen, so nähre ich die aufrichtige Hoffnung, daß mein Plymouthbruder aus den Bergen auf mich zulaufen wird, um mir die Hand zu schütteln.
Im Gespräch wie Christ und Treu auf ihrer Pilgerreise kamen wir so zu einem Weiler am Tarn. Es war ein bescheidenes Nest namens La Vernede mit weniger als einem Dutzend Häuser und einer protestantischen Kapelle auf einer Anhöhe. Hier war er zu Hause, und hier im Gasthof bestellte ich mir ein Frühstück. Das Gasthaus wurde von einem netten jungen Mann geführt, einem Straßenarbeiter, und seiner Schwester, einem niedlichen und gewinnenden Mädchen. Der Dorfschulmeister erschien, um mit dem Fremdling zu sprechen. Und sie alle waren Protestanten - eine Tatsache, die mir mehr Freude machte, als ich erwartet hätte. Noch mehr freute es mich, daß sie alle aufrechte und einfache Leute zu sein schienen. Der Plymouthbruder schlich um mich mit einer Art sehnsüchtigen Interesses und kehrte mindestens dreimal zurück, um sich zu vergewissern, ob ich mit meiner Mahlzeit zufrieden sei. Sein Verhalten rührte mich damals zutiefst und bewegt mich noch jetzt in der Erinnerung. Er mochte sich nicht aufdrängen, wollte andererseits aber auch nicht auf nur einen Augenblick meiner Gesellschaft verzichten und wurde nie müde, mir die Hand zu schütteln.
Als alle anderen sich zu ihrem Tagewerk aufgemacht hatten, saß ich noch etwa eine halbe Stunde bei der jungen Herrin des Hauses, die über ihrer Näharbeit reizend plauderte. Sie erzählte von der Kastanienernte, den Schönheiten des Tarn und alten Familienbanden, die zwar unterbrochen werden, aber dennoch bestehen bleiben, wenn die jungen Männer in die Ferne schweifen. Sie war gewiß ein liebliches Ding von ländlicher Schlichtheit, darunter aber viel Zartgefühl, und wer sie einmal in sein Herz schließt, wird bestimmt ein glücklicher junger Mann sein.
Das Tal unterhalb von La Vernede gefiel mir mehr und mehr, je weiter ich vorankam. Das eine Mal näherten sich die nackten, brüchigen Berge von beiden Seiten und mauerten den Fluß zwischen Felswänden ein, das andere Mal erweiterte sich das Tal und wurde grün. Die Straße führte mich an der alten Burg Miral auf einem steilen Felsen vorüber, an einem Wehrkloster, das schon lange abgebrochen und in eine Kirche mit Pfarrhaus umgewandelt worden war und an einer Ansammlung schwarzer Dächer, dem Dorf Cocurcs, das inmitten von Weinbergen, Wiesen und Obstgärten, voll mit rotbäckigen Äpfeln, lag, und wo man entlang der Straße damit beschäftigt war, Walnüsse von den Bäumen zu schlagen und sie in Säcken und Körben zu sammeln. So weit sich das Tal auch öffnen mochte, waren die Berge noch immer hoch und kahl mit felsigen Graten und hier und da einem spitzen Gipfel, während der Tarn mit Bergesrauschen über die Steine schoß. Von Reisenden mit einer pittoresken Neigung war ich auf eine schauerliche Landschaft ä la Byron vorbereitet worden, meinen schottischen Augen jedoch erschien sie lächelnd und üppig, wie ja auch das Wetter meinem schottischen Körper den Eindruck von Hochsommer machte, obwohl die Kastanien bereits vom Herbst gezeichnet waren und die Pappeln, die sich von hier an mit ihnen mischten, im Angesicht des nahenden Winters ein Kleid von mattem Gold angelegt hatten.
Es lag etwas in dieser lächelnden, wenn auch wilden Landschaft, was mir das Wesen der südlichen Covenanter erklärte. Alle, die sich in Schottland aus Gewissensgründen ins Hochland schlugen, hatten trübsinnige und verteufelte Gedanken. Wenn sie einmal Gottes Beistand erhielten, hatten sie sich zweimal mit Satan auseinanderzusetzen. Die Camisarden hingegen hatten nur lichte und tröstende Visionen. Sie hatten es viel mehr mit Blut zu schaffen gehabt, sowohl nehmend als auch gebend, und doch finde ich in ihren Annalen keine Besessenheit vom Bösen Feind. Leichten Gewissens führten sie ihr Leben in diesen rauhen Zeiten und unter diesen schrecklichen Umständen. Séguiers Seele - wir sollten es nicht vergessen - war wie ein Garten. Sie wußten, daß sie auf Gottes Seite waren, und das mit einem Bewußtsein, welches unter den Schotten seinesgleichen nicht hat, denn obgleich die Schotten sich der Sache sicher sein mochten, so konnten sie sich doch nie auf die Person verlassen.
»Wir flogen«, sagt ein alter Camisarde, »wenn wir die Laute des :, Psalmensingens vernahmen, wir flogen, als hätten wir Flügel. In uns i spürten wir einen beseelenden Eifer, eine hinreißende Sehnsucht. Das Gefühl läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Man muß es erlebt haben, um es zu verstehen. Wir mochten noch so müde sein, wir dachten nicht mehr an unsere Müdigkeit, und uns wurde ganz leicht zumute, sobald die Psalmen an unser Ohr drangen.«
Das Tal des Tarn und die Menschen, die ich in La Vernede traf, erklären mir nicht nur diese Worte, sondern auch die zwanzig Jahre des Leids, welche diejenigen, die so hart und so grausam waren, wenn sie sich in den Krieg stürzten, mit der Sanftmut von Kindern und der Standhaftigkeit von Heiligen und Bauern erduldeten.
 
 
Robert Louis Stevenson: Reise mit dem Esel durch die Cevennen, edition de Colombe 2001, S. 110-118, Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages und des Übersetzers Christoph Lenhartz
© 2017 • Dr. Hans-Jürgen Hereth • Wertschätzung