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Hohenester

Glanz und Elend von Amalie Hohenester, Doktorbäuerin von Deisenhofen

Amalie Hohenester, auch Haberl-Amalie genannt, war das zwölfte Kind von Michael und Philippina Nonnenmacher. Sie ist damit das jüngste Mitglied der  berühmten-berüchtigten Familie Haberl, nach dem Stammhof „Nonnenmacher“ genannt, die seit Generationen Wilderer und Räuber im Isartal waren. Der Volksglaube dichtete ihnen übernatürliche Kräfte an, da sie angeblich von Zigeunern abstammen sollten. 1827 kam sie im Alter von einem Jahr nach Marschall, wo sie auf einem kleinen Bauernhof, den ihr Vater gekauft hatte, aufwuchs.
 
Ihre Brüder setzten die Familientradition fort und brachten es als Räuberbande, „Haberlbande“, zu erheblicher Berühmtheit. Zeitweise waren sie so bekannt wie der Wildschütze Jennerwein. Nachdem sie jahrelang das bayerische Oberland unsicher gemacht hatten, wurden sie 1850 verhaftet und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt; einer ihrer Brüder wurde sogar gehängt.
 
Amalie Hohenester arbeitete zu dieser Zeit als Magd in München und war später in einem gräflichen Haushalt beschäftigt. Laut eigener Geschichtsklitterung soll sie sogar die Welt bereist haben. Sie kam jedenfalls bis Frankfurt, denn 1856 wurde sie von der dortigen Polizei nach Marschall abgeschoben. Hier begann die spätere Wunderheilerin zusammen mit ihrer Mutter, Kranke aus der Umgebung zu kurieren. Die Behörden waren von ihrer Heilkunst jedoch nicht so überzeugt.
 
Wegen "Pfuscherei" wurde die 32-Jährige 1859 vom Landgericht Miesbach zu zwei Tagen Polizeiarrest verurteilt. 1861 verließ Amalie Marschall und heiratete Benedikt Hohenester, den Wagnerbauer in Deisenhofen. Der Hof florierte, ebenso wie die Geschäfte der Amalie Hohenester, die nun in Deisenhofen ihre Heilkünste erprobte. Zwei Jahre später kaufte sie das alte Heilbad Mariabrunn bei Dachau, dessen Existenz einem wundersamen Ereignis zu verdanken sein soll.
 

Gebäude Mariabrunn, Foto HJHereth, www.fluchtwege.eu
An einem Mittwoch im Jahre 1662 hackte der Landmann Georg Schlairböck aus Ampermoching im sogenannten "Gerichtsschlag" Holz. Durstig trank er aus einer Quelle die er soeben gefunden hat. Neben dem Durst hat auch sein Bruch, an dem er jahrelang gelitten hat, merklich nachgelassen, wie er später bei einer eidesstattlichen Erklärung berichtete. Man ließ die Quelle in Holz fassen und analysierte das Heilwasser. Die Kraft der Quelle begünstigte die Genesung bei Kopfschmerzen, Magen- und Augenbeschwerden, Nieren-, Blasen-, Harn- und Geschlechtskrankheiten.

Kapelle Maria Brunn, Foto HJHereth, www.fluchtwege.eu
Mit dem Verkauf an Amalie Hohenester gelangte der Wallfahrts- und Kurort zu neuen Glanz und Ruhm. Sie war ein Vermarktungstalent und den Weg in die Öffentlichkeit suchte. So erklärte sie, daß sie einen Teil ihrer Rezepturen in einem ägyptischen Zauberbuch gefunden. Ihre Bildungslücken (lesunkundig) behinderten ihren märchenhaften Aufstieg dennoch nicht. Medizinische Grenzüberschreitungen der jetzigen Wunderdoktorin verärgerten aber die akademische Ärzteschaft. Von dieser wurde sie angefeindet und der Kurpfuscherei bezichtigt. Ihrem Ruhm schadete das nicht. Um den Streitigkeiten mit der Polizei zu entgehen, soll sie später auch Dr. Curtius, einen Günstling der Lola Montez, eingestellt haben. Von ihren Patienten, u.a. den Baron von Rothschild, den Großfürsten Nikolai Nikolaijewitsch, "Sissi", die Kaiserin von Österreich und der Exkönigin von Hannover wurde sie hingegen wie eine Heilige verehrt.
 
So kam es zu ganz neuen Wallfahrten nach Mariabrunn. Schon damals gab es eine Bahnverbindung von München nach Holzkirchen. Hohenester richtete einen eigen Stellwagendienst zum nahegelegenen Bahnhof ein, um die täglich bis zu 200 Patienten aus allen Gegenden Europas bequem in ihr Heilbad befördern zu können.
 
Respekt vor ihrer Kundschaft hatte Hohenester nicht. Sie sprach alle mit "Du" an - egal ob Kaiserin, Großfürst oder Dienstmagd. Ihre Diagnose erstellte die Wunderheilern aus der Analyse des Urins ihrer Patienten und den Informationen, die ihre Gäste den über 90 Bediensteten des Hauses anvertrauten. Zumeist verordnete sie dann Heilkräuter-Tees, strenger Fastenkuren, Kaltwasserduschen sowie ausgedehnten Spaziergängen zur Heilung der Beschwerden. Wie heilkundig sie wirklich war, ist nicht geklärt, doch heilte sie 17 Jahre mit Erfolg.

Tafel Maria Brunn. Foto HJHereth, www.fluchtwege.eu
Amalie Hohenester selbst scheint sich nicht an ihre erteilten Ratschläge zur gesunden Lebensweise gehalten zu haben, denn laut den Chroniken starb sie 1878 als mehrfache Millionärin an Herzverfettung. Eine kleine Kapelle in Marschall erinnert an sie. 1875 ließ die Heilerin das Kirchlein restaurieren. Im Spitzturm hängt seither eine von ihr gestiftete Glocke. Das Anwesen ist seit 1907 im Besitz der Familie Breitling.
 
Infos
http://www.kirchenundkapellen.de/kirchenko/mariabrunn.php
Familie Breitling
85244 Röhrmoos
Telefon: 08139 / 86 63
Telefax: 08139 / 99 42 75
Schlosswirtschaft Mariabrunn
Mariabrunn 3
85244 Röhrmoos
Tel: (08139) 8661
http://www.schlosswirtschaft-mariabrunn.de
 
Es gibt zahlreiche Romane, Volksstücke und sogar einen Film von Hans Fitz (mit Maria Schell in der Hauptrolle) über Amalie Hohenester
Norbert Göttler: Die Pfuscherin: Amalie Hohenester, Wunderheilerin und Doktorbäuerin, 2000
Georg Stöger: D`Haberl vom Marschall von Carl Weinberger, Die Haberltöchter vom Marschall
© 2017 • Dr. Hans-Jürgen Hereth • Wertschätzung